Kontaktabbruch in der Familie
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Innerhalb von zehn Jahren entfremden sich etwa 20 Prozent der erwachsenen Kinder von ihrem Vater und etwa 9 Prozent von ihrer Mutter.
- Schätzungen zufolge hat rund ein Achtel aller Erwachsenen den Kontakt zu mindestens einem Elternteil ganz abgebrochen.
- Ein Kontaktabbruch entsteht selten aus einem einzelnen Streit, sondern aus einer langen Vorgeschichte.
- Eltern und Kinder erklären den Bruch oft mit ganz unterschiedlichen Gründen.
- Nicht nur Kinder, auch Eltern leiden unter dem Abbruch, oft sogar stärker.
- Entfremdung ist selten dauerhaft: Die Mehrheit findet nach Jahren wieder zueinander.
Warum kommt es in Familien überhaupt zum Kontaktabbruch?
Zum Kontaktabbruch kommt es in Familien, wenn eine Seite über längere Zeit das Gefühl hat, mit den eigenen Bedürfnissen nicht gesehen zu werden, und keinen anderen Ausweg mehr sieht als Distanz. Eine Auswertung des deutschen Familienpanels pairfam mit über 10.000 Befragten fand, dass sich innerhalb von zehn Jahren etwa 20 Prozent der erwachsenen Kinder von ihrem Vater entfremden und etwa 9 Prozent von ihrer Mutter. Entfremdung war dabei definiert als weniger als einmal im Monat Kontakt bei gleichzeitig fehlender emotionaler Nähe. Über solche Phasen hinaus haben nach Schätzungen rund zwölf Prozent aller Erwachsenen den Kontakt zu mindestens einem Elternteil vollständig abgebrochen. Das sind allein in Deutschland mehrere hunderttausend Familien.
Selten steht ein einzelner Streit am Anfang. Meist geht eine lange Geschichte voraus: zu wenig Nähe oder gerade zu viel Einmischung, das Gefühl, mit eigenen Entscheidungen nicht akzeptiert zu werden, oder Erfahrungen aus der Kindheit, die erst im Erwachsenenalter überhaupt benennbar werden. Auch der Tod eines Elternteils oder eine neue Partnerschaft nach einer Trennung können eine bestehende Distanz zusätzlich verstärken.
Warum Eltern und Kinder die Gründe verschieden sehen
Eltern und erwachsene Kinder erklären denselben Bruch fast immer mit unterschiedlichen Gründen, und dieser Unterschied macht eine Annäherung so schwer. Erwachsene Kinder führen den Abbruch meist auf das Verhalten der Eltern zurück: auf überschrittene Grenzen, fehlende Anerkennung, anhaltende Kritik oder das Gefühl, nie genug gewesen zu sein. Eltern dagegen suchen die Ursache häufiger im Außen, etwa beim Partner des Kindes, bei dessen Umfeld oder bei den Umständen.
Keine dieser Sichtweisen ist einfach falsch, aber solange jede Seite nur die eigene Erklärung gelten lässt, reden beide aneinander vorbei. Eine Annäherung beginnt oft damit, die Erklärung der anderen Seite überhaupt einmal anzuhören, ohne sie sofort zu widerlegen. Das bedeutet nicht, ihr recht zu geben. Es bedeutet nur, sie als das ernst zu nehmen, was sie ist: die ehrliche Wahrnehmung eines Menschen, mit dem man verbunden bleiben oder wieder verbunden sein möchte.
Wann ist Distanz Selbstschutz, und wann kommt sie zu früh?
Distanz zur eigenen Familie ist Selbstschutz, wenn alle anderen Versuche, die Beziehung zu verbessern, erschöpft sind und der Kontakt die eigene psychische Gesundheit spürbar belastet. Das gilt besonders dort, wo Vernachlässigung, Kontrolle oder Gewalt Teil der Geschichte sind und ein Gespräch auf Augenhöhe bisher nicht möglich war.
Genauso gibt es Kontaktabbrüche, die eher aus einem akuten Streit oder einer verletzten Erwartung heraus entstehen und sich später als voreilig erweisen. Ein Abbruch aus einem einzelnen Auslöser, ohne dass vorher ein klärendes Gespräch versucht wurde, lässt sich später oft schwerer rückgängig machen als ein Streit, der sofort ausgetragen wurde. Beide Formen fühlen sich im Moment ähnlich endgültig an, sind es aber nicht im gleichen Maß.
Entfremdung entwickelt sich in der Familie stufenweise
Ein Kontaktabbruch entsteht in der Regel nicht von einem Tag auf den anderen, sondern über mehrere Stufen. Am Anfang steht meist eine wachsende Distanz, in der Gespräche seltener und oberflächlicher werden. Darauf folgt oft eine Phase der Funkstille, in der nur noch das Nötigste ausgetauscht wird, etwa an Feiertagen. Erst danach entscheidet sich eine Seite bewusst für den vollständigen Abbruch.
Wer diese Stufen kennt, kann früher gegensteuern. Wenn Gespräche nur noch um Rezepte, den letzten Urlaub oder das Wetter kreisen, obwohl eigentlich ein Konflikt im Raum steht, ist das oft schon ein Warnzeichen für die zweite Stufe.
Schuldgefühle und Trauer nach einem Kontaktabbruch
Schuldgefühle und Trauer gehören nach einem Kontaktabbruch zu den häufigsten Reaktionen, und zwar auf beiden Seiten. Wer den Kontakt beendet hat, kämpft oft mit der Frage, ob der Schritt richtig war. Wer zurückbleibt, trauert um eine Beziehung, die es so nicht mehr gibt, ohne dafür immer einen klaren Anlass benennen zu können.
Forschung zur Entfremdung zwischen Generationen zeigt, dass die Trauer bei Eltern oft stärker ausfällt als bei Kindern, die den Abbruch aktiv gewählt haben. Das erklärt auch, warum es inzwischen eigene Selbsthilfegruppen für Eltern gibt, die keinen Kontakt mehr zu ihren erwachsenen Kindern haben. Schuld allein hilft dabei selten weiter, weil ein Kontaktabbruch fast immer mehrere Ursachen und mehrere Beteiligte hat.
Was aus dem Kontakt zu den Enkelkindern wird
Bricht der Kontakt zwischen den Generationen ab, stellt sich oft die Frage nach den Enkelkindern. Rechtlich haben Großeltern ein eigenes Umgangsrecht, aber nur unter einer klaren Bedingung: Der Umgang muss dem Wohl des Kindes dienen (Paragraf 1685 BGB). Das ist keine Formsache. Gerichte haben mehrfach entschieden, dass ein Umgang gerade dann nicht dem Kindeswohl dient, wenn zwischen Eltern und Großeltern ein so tiefer Konflikt herrscht, dass das Kind in einen Loyalitätsstreit geraten würde.
Für Großeltern heißt das: Ein Rechtsstreit über den Umgang mit den Enkeln verschärft den Konflikt mit den eigenen Kindern meist weiter, statt ihn zu lösen. Oft trägt der ruhigere Weg mehr, nämlich eine verlässliche, ruhige Erreichbarkeit ohne Druck, sodass eine spätere Annäherung möglich bleibt. Für die Eltern wiederum ist wichtig zu wissen, dass ein Abbruch nach oben, also zu den eigenen Eltern, das Verhältnis der Kinder zu ihren Großeltern mitprägt, auch wenn das im akuten Konflikt kaum im Blick ist.
Eine Annäherung bleibt nach einem Kontaktabbruch möglich
Eine Annäherung nach einem Kontaktabbruch gelingt am ehesten, wenn beide Seiten unabhängig voneinander zu dem Schluss kommen, dass sie dafür bereit sind. Dieselbe Auswertung fand, dass sich im Lauf der Zeit etwa 62 Prozent der Kinder wieder ihrer Mutter annäherten und etwa 44 Prozent ihrem Vater. Entfremdung ist damit häufig eine Phase und kein endgültiger Zustand.
Ein erster Annäherungsversuch gelingt eher an einem neutralen Ort und mit dem Ziel, nach vorn zu schauen, statt alte Vorwürfe erneut aufzurollen. Wer bereit ist, die eigene Rolle ehrlich zu prüfen und der anderen Seite echte Vergebung anzubieten, schafft dafür die besten Voraussetzungen. Das schließt nicht aus, dass eine Annäherung länger dauert oder zunächst nur in kleinen Schritten gelingt.
Vier Schritte zu einer Annäherung
Was bei einer Annäherung wirklich hilft, lässt sich in wenigen, konkreten Schritten zusammenfassen. Die folgende Übersicht ordnet sie danach, was sie jeweils bewirken.
| Schritt | Was er bewirkt |
|---|---|
| Selbstreflexion | Die eigene Rolle im Konflikt wird ehrlich geprüft, statt nur der anderen Seite die Schuld zu geben |
| Neutraler Ort für das Gespräch | Alte Reizpunkte wie die Küche der Eltern fallen als Auslöser weg |
| Zukunftsorientierung | Das Gespräch klärt, wie es weitergehen kann, statt alte Vorwürfe zu wiederholen |
| Fachliche Begleitung | Eine Beratung gibt dem Gespräch einen Rahmen, den beide Seiten allein oft nicht herstellen |
Wann hilft eine Familienberatung bei Kontaktabbruch?
Eine Familienberatung hilft bei Kontaktabbruch, sobald eigene Gespräche wiederholt scheitern oder gar nicht erst zustande kommen. Die Caritas bietet dafür kostenlose und vertrauliche Beratung an, persönlich vor Ort oder anonym online, unabhängig von Religion oder Herkunft.
Auch wer selbst gerade keinen Kontakt sucht, kann von einer Beratung profitieren, etwa um die eigene Entscheidung zu ordnen oder mit der Trauer der Gegenseite umzugehen, ohne die eigenen Grenzen wieder aufzugeben. Über 1.000 Erziehungs- und Familienberatungsstellen in Deutschland stehen dafür kostenlos zur Verfügung.
Die ersten Schritte nach einem Kontaktabbruch in der Familie
- Gib dir Zeit, bevor du eine endgültige Entscheidung triffst, besonders wenn der Abbruch aus einem akuten Streit entstanden ist.
- Prüfe ehrlich deine eigene Rolle im Konflikt, ohne die andere Seite dabei von ihrer Verantwortung freizusprechen.
- Versuche, die Erklärung der Gegenseite einmal anzuhören, ohne sie sofort zu widerlegen.
- Entscheide bewusst, ob du gerade Abstand brauchst oder ob ein klärendes Gespräch noch möglich wäre.
- Sprich mit einer außenstehenden Person oder einer Beratungsstelle über deine Situation, bevor du sie allein mit dir ausmachst.
- Bleib offen für eine spätere Annäherung, auch wenn sie jetzt gerade nicht in Sicht ist.
Familienkrisen können schwer belasten. Wenn dich die Lage überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar. Bei Gewalt in der Familie hilft das Hilfetelefon unter 116 016, im Notfall die 112.
Häufige Fragen
Wie häufig kommt es in Familien überhaupt zu einem Kontaktabbruch?
Ein Kontaktabbruch zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern kommt recht häufig vor. Innerhalb von zehn Jahren entfremden sich einer Auswertung des Familienpanels pairfam zufolge etwa 20 Prozent der erwachsenen Kinder von ihrem Vater und etwa 9 Prozent von ihrer Mutter. Vollständig abgebrochen ist der Kontakt nach Schätzungen bei rund zwölf Prozent aller Erwachsenen zu mindestens einem Elternteil.
Warum sehen Eltern und Kinder die Gründe für den Abbruch so unterschiedlich?
Erwachsene Kinder führen den Abbruch meist auf das Verhalten der Eltern zurück, etwa auf überschrittene Grenzen oder fehlende Anerkennung. Eltern suchen die Ursache dagegen häufiger im Außen, beim Partner des Kindes oder bei den Umständen. Beide Sichtweisen sind ehrlich gemeint. Eine Annäherung beginnt oft damit, die Erklärung der anderen Seite anzuhören, ohne sie sofort zu widerlegen.
Haben Großeltern nach einem Kontaktabbruch ein Recht, die Enkel zu sehen?
Großeltern haben nach Paragraf 1685 BGB ein Umgangsrecht, aber nur, wenn der Umgang dem Wohl des Kindes dient. Bei einem tiefen Konflikt zwischen Eltern und Großeltern haben Gerichte einen Umgang oft abgelehnt, weil das Kind sonst in einen Loyalitätsstreit gerät. Ein Rechtsstreit verschärft den Konflikt meist, während ruhige Erreichbarkeit ohne Druck eine spätere Annäherung offenhält.
Ist ein Kontaktabbruch zu den Eltern immer ein Zeichen für ein zerrüttetes Verhältnis?
Nein, ein Kontaktabbruch zu den Eltern ist nicht immer ein Zeichen für ein von Grund auf zerrüttetes Verhältnis. Er kann Selbstschutz nach einer langen Vorgeschichte sein, aber auch eine vorschnelle Reaktion auf einen einzelnen, akuten Streit, die sich später wieder auflöst.
Wie geht man mit Schuldgefühlen nach einem Kontaktabbruch um?
Mit Schuldgefühlen nach einem Kontaktabbruch geht man am ehesten um, indem man die eigene Rolle ehrlich prüft, ohne sich die gesamte Verantwortung für den Konflikt allein zuzuschreiben. Ein Kontaktabbruch entsteht fast immer aus mehreren Ursachen und mehreren beteiligten Personen, nicht aus einer einzigen Schuld.
Kommt es nach einem Kontaktabbruch wieder zu einer Annäherung?
Ja, nach einem Kontaktabbruch kommt es in vielen Fällen wieder zu einer Annäherung. Der Auswertung zufolge näherten sich im Lauf der Zeit etwa 62 Prozent der Kinder wieder ihrer Mutter an und etwa 44 Prozent ihrem Vater, sodass Entfremdung häufiger eine Phase als ein endgültiger Zustand ist.
Wo bekommt man kostenlose Hilfe bei Kontaktabbruch in der Familie?
Kostenlose Hilfe bei Kontaktabbruch in der Familie bieten die mehr als 1.000 Erziehungs- und Familienberatungsstellen in Deutschland sowie die Online- und Vor-Ort-Beratung der Caritas, beide unabhängig von Religion oder Herkunft und in strenger Vertraulichkeit.
Quellen
- Zu Beratungsangeboten bei Krisen und Konflikten in der Familie informiert das Familienportal des Bundes. familienportal.de
- Zu Häufigkeit, Gründen und Verlauf der Entfremdung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern äußert sich der Familienforscher Oliver Arránz Becker anhand der pairfam-Langzeitstudie. psychologie-heute.de
- Zum Umgangsrecht der Großeltern, Paragraf 1685 BGB, im amtlichen Volltext. gesetze-im-internet.de
- Zum Umgang mit Kontaktabbrüchen in der Familie und zu kostenloser Beratung informiert die Caritas. caritas.de
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