Die seelischen Folgen einer Krankheit
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Eine körperliche Krankheit belastet häufig auch die Seele, meist in Form von Angst oder einer depressiven Verstimmung.
- Niedergeschlagenheit, Angst, sozialer Rückzug, Schlafstörungen, Reizbarkeit und Hoffnungslosigkeit sind Warnzeichen, die über zwei Wochen ernst genommen werden sollten.
- Seelische Hilfe bei einer körperlichen Erkrankung ist keine Zusatzleistung für besonders schwache Fälle, sondern ein normaler Teil der Behandlung.
- Psychoonkologie, Psychotherapie, Reha-Psychologen und Selbsthilfegruppen bieten unterschiedliche Formen von Unterstützung.
- Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, ist sofortige Hilfe nötig, rund um die Uhr über die TelefonSeelsorge oder den Notruf.
Eine körperliche Krankheit belastet häufig auch die Seele
Eine körperliche Krankheit belastet neben dem Körper fast immer auch die Seele, meist in Form von Angst oder einer depressiven Verstimmung. Der Krebsinformationsdienst beziffert das für Krebserkrankungen konkret: Bis zu sechs von zehn Betroffenen leiden unter einer allgemein hohen psychischen Belastung, fast die Hälfte hat starke Ängste, und mehr als die Hälfte erlebt zeitweise eine gedrückte Stimmung. Für andere schwere und chronische Diagnosen gelten ähnliche Größenordnungen.
Diese Belastung ist keine Randerscheinung, sondern ein Teil der Erkrankung selbst. Körper und Seele arbeiten nicht getrennt voneinander: Schmerzen, Erschöpfung und ein veränderter Alltag wirken auf die Stimmung, und eine gedrückte Stimmung verstärkt wiederum die körperliche Erschöpfung. Fachleute sprechen deshalb von einer Wechselwirkung, nicht von zwei getrennten Baustellen.
Wie stark diese Wechselwirkung ausfällt, hängt auch von der Art der körperlichen Erkrankung ab. Schmerzhafte, sichtbare oder lebensbedrohliche Diagnosen belasten die Seele im Schnitt stärker als Erkrankungen, die sich gut behandeln lassen und den Alltag kaum einschränken. Das ändert nichts daran, dass auch eine scheinbar kleinere Diagnose eine ernstzunehmende seelische Reaktion auslösen kann, wenn sie zur falschen Zeit kommt oder an frühere Erfahrungen anknüpft.
Warum Angst und Depression bei einer Krankheit oft übersehen werden
Angst und Depression werden bei einer körperlichen Krankheit oft übersehen, weil ihre Symptome sich hinter den ohnehin vorhandenen körperlichen Beschwerden verstecken. Erschöpfung, Schlafstörungen, Appetitverlust oder Schmerzen lassen sich fast immer auch der Grunderkrankung zuschreiben, wodurch eine zusätzliche seelische Belastung leicht untergeht, bei Ärztinnen und Ärzten genauso wie bei den Betroffenen selbst.
Nach Angaben von Neurologen und Psychiatern im Netz gilt das besonders für ältere Menschen: Zentrale Symptome einer Depression verstecken sich in höherem Alter häufig hinter Schmerzen oder anderen körperlichen Beschwerden, und erst gezieltes Nachfragen bringt das vollständige Bild ans Licht. Wer selbst unsicher ist, ob eine Erschöpfung noch zur körperlichen Erkrankung gehört oder bereits eine eigenständige seelische Komponente hat, sollte das genau deshalb aktiv ansprechen, statt auf eine automatische Klärung durch die Ärztin oder den Arzt zu warten.
Welche seelischen Warnzeichen bei einer Krankheit ernst zu nehmen sind
Niedergeschlagenheit, Angst, sozialer Rückzug, Schlafstörungen, Reizbarkeit und Hoffnungslosigkeit sind sechs Warnzeichen, auf die bei einer schweren körperlichen Erkrankung besonders geachtet werden sollte. Halten mehrere davon zwei Wochen oder länger an, ist nach den Kriterien von Gesundheitsinformation.de der Punkt erreicht, an dem eine ärztliche Einschätzung sinnvoll wird.
Einzelne schlechte Tage gehören zu jeder schweren Erkrankung dazu und sind für sich genommen kein Warnzeichen. Entscheidend sind Dauer und Zahl der betroffenen Bereiche: Wer über Wochen schlechter schläft, sich von Freunden zurückzieht, gereizter reagiert als sonst und dabei das Gefühl hat, dass sich nichts mehr bessern wird, trägt mehrere dieser Zeichen gleichzeitig.
Die Zwei-Wochen-Grenze stammt aus den international anerkannten Diagnosekriterien für eine Depression und dient als Orientierung, nicht als starre Regel. Wer sich schon nach wenigen Tagen so erschöpft und hoffnungslos fühlt, dass der Alltag kaum noch zu bewältigen ist, muss nicht warten, bis zwei Wochen vergangen sind, um sich Hilfe zu holen.
Der Unterschied zwischen normaler Trauer und einer behandlungsbedürftigen Depression
Normale Trauer über eine Diagnose und eine behandlungsbedürftige Depression unterscheiden sich vor allem in Dauer, Fokus und Ausmaß, auch wenn beide von außen ähnlich aussehen können. Die internationalen Diagnosekriterien halten für eine Depression ausdrücklich fest, dass eine depressive Stimmung von einer Trauerreaktion unterschieden werden muss, weil beide unterschiedlich behandelt werden.
Trauer bezieht sich in aller Regel auf die Erkrankung und das, was durch sie verloren geht, etwa Pläne, Gesundheit oder Selbstständigkeit, und sie lässt in ihrer Intensität mit der Zeit spürbar nach. Eine Depression richtet sich stärker gegen die eigene Person insgesamt, geht mit einem tiefen Gefühl der Wertlosigkeit einher und bessert sich ohne Behandlung häufig nicht von selbst. Ein Beispiel zur Einordnung: Wer nach einer Diagnose schlechte Tage hat, an guten Tagen aber wieder Interesse an Musik, Gesprächen oder dem eigenen Garten zeigt, trauert vermutlich in einem normalen Rahmen. Wer über Wochen an nichts mehr Freude findet, unabhängig vom Tagesverlauf, sollte das fachlich abklären lassen.
Seelische Hilfe bei einer Krankheit ist keine Zusatzleistung für schwache Fälle
Seelische Unterstützung bei einer körperlichen Erkrankung ist ein normaler Bestandteil der Behandlung, keine Ausnahme für Menschen, die eine Diagnose angeblich schlechter verkraften als andere. Wer sich dafür schämt, überträgt einen Maßstab aus dem Alltag auf eine Situation, in der er nicht passt. Eine ernste körperliche Diagnose ist eine reale Belastung, keine Charakterfrage.
Kliniken, die onkologische, kardiologische oder neurologische Patientinnen und Patienten behandeln, halten deshalb heute fast durchgängig psychoonkologische oder psychologische Angebote direkt im Haus vor. Diese Angebote existieren, weil sie gebraucht werden, nicht als Kür neben der eigentlichen Behandlung.
Häufige Irrtümer über seelische Hilfe bei Krankheit
Drei falsche Annahmen halten viele Menschen davon ab, sich bei seelischer Belastung Hilfe zu holen: dass es von allein wieder besser wird, dass Medikamente gegen Depression abhängig machen, und dass die eigene Erkrankung eine seelische Reaktion ohnehin erklärt und deshalb keine eigene Behandlung braucht.
Der erste Irrtum unterschätzt, wie lange eine unbehandelte Depression andauern kann, gerade wenn die auslösende körperliche Erkrankung selbst fortbesteht. Der zweite Irrtum verwechselt moderne Antidepressiva mit älteren Beruhigungsmitteln: Die heute gebräuchlichen Wirkstoffe machen nach übereinstimmender fachlicher Einschätzung nicht im Sinne einer Sucht abhängig, auch wenn ein Absetzen langsam und ärztlich begleitet erfolgen sollte. Der dritte Irrtum ist vielleicht der folgenreichste, weil er am plausibelsten klingt: Dass eine Depression zur Diagnose dazugehört, macht sie nicht weniger behandlungsbedürftig. Eine begleitende seelische Belastung wird parallel zur körperlichen Erkrankung behandelt, nicht erst, nachdem diese überstanden ist.
Welche Angebote es für seelische Unterstützung gibt
Für seelische Unterstützung bei einer Krankheit gibt es mehrere Wege, die sich in Anlass und Aufwand unterscheiden: die erste Einordnung beim Hausarzt, die psychoonkologische Begleitung direkt in der Klinik, eine ambulante Psychotherapie, die psychologische Betreuung während einer Reha, ein begleitetes Onlineprogramm und der Austausch in einer Selbsthilfegruppe. Welcher Weg passt, hängt von der Erkrankung und von der Schwere der Belastung ab.
| Angebot | Wofür es geeignet ist | Wie man es erreicht |
|---|---|---|
| Hausarzt oder Hausärztin | Erster Ansprechpartner, Einordnung und Überweisung | Kassenleistung |
| Psychoonkologische Begleitung | Krebserkrankungen, während und nach der Behandlung | Über die behandelnde Klinik oder eine Krebsberatungsstelle |
| Ambulante Psychotherapie | Anhaltende Angst, Depression oder Erschöpfung bei jeder Diagnose | Anmeldung direkt bei einer Praxis, keine Überweisung nötig |
| Reha-Psychologe oder Reha-Psychologin | Verarbeitung während einer Anschlussheilbehandlung | Fester Bestandteil der medizinischen Reha |
| Onlineprogramm gegen Depression | Niedrigschwelliger Einstieg, orts- und zeitunabhängig | Teils als Kassenleistung verordnet |
| Selbsthilfegruppe | Austausch mit Menschen mit derselben oder ähnlicher Diagnose | Über Klinik, Krankenkasse oder Selbsthilfekontaktstelle |
Was Angehörige tun können, wenn sie Warnzeichen bemerken
Angehörige helfen am meisten, wenn sie die seelische Belastung offen ansprechen und gleichzeitig zu einer ärztlichen Abklärung ermutigen, statt beides der erkrankten Person allein zu überlassen. Neurologen und Psychiater im Netz raten ausdrücklich dazu, die Erkrankung als das zu akzeptieren, was sie ist, statt sie durch gut gemeinte Ratschläge kleinzureden.
Zwei Ratschläge, die gut gemeint sind, aber nach Einschätzung von Fachleuten selten helfen, lauten, dem erkrankten Menschen zu raten, einfach abzuschalten und zu verreisen, oder ihn aufzufordern, sich zusammenzureißen. Eine Depression hat nichts mit mangelnder Willensstärke zu tun, und beide Ratschläge lassen die betroffene Person eher noch unverstandener zurück. Ernst genommen werden sollte dagegen jede Äußerung, die auf Suizidgedanken hindeutet, auch wenn sie beiläufig oder halb im Scherz fällt.
Wann seelische Belastung dringend ärztliche Hilfe braucht
Dringend ärztliche Hilfe braucht seelische Belastung, sobald Gedanken auftauchen, nicht mehr leben zu wollen, oder sobald jemand plant, sich etwas anzutun. Gesundheitsinformation.de beschreibt diesen Punkt deutlich: Solche Gedanken bleiben meistens Gedanken, aber leider nicht immer, weshalb sie nie abgewartet werden sollten.
Auch ohne akute Suizidgedanken gilt: Wer wochenlang kaum noch schläft, sich von allem zurückzieht und den Eindruck hat, dass ihm niemand mehr helfen kann, sollte das beim nächsten Arzttermin von sich aus ansprechen, selbst wenn der Termin eigentlich der körperlichen Erkrankung gilt. Hausärztinnen und Hausärzte können direkt weiterhelfen oder an eine Fachärztin oder einen Facharzt für Psychiatrie überweisen.
Die ersten Schritte bei seelischer Belastung durch eine Krankheit
- Die eigenen Warnzeichen der letzten zwei Wochen ehrlich sammeln, etwa Schlaf, Rückzug, Stimmung.
- Prüfen, ob an guten Tagen noch Interesse oder Freude an irgendetwas besteht.
- Das nächste Arztgespräch nutzen, um die seelische Belastung offen anzusprechen.
- Nach einem psychoonkologischen oder psychologischen Angebot der behandelnden Klinik fragen.
- Eine ambulante Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten kontaktieren, auch ohne akute Krise.
- Einer nahestehenden Person konkret sagen, welche Art von Unterstützung gerade hilft.
- Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, sofort die TelefonSeelsorge oder den Notruf anrufen.
Eine Krankheit kann schwer auf die Seele drücken. Wenn dich die Lage überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, im Notfall die 112. Bei medizinischen Fragen hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117.
Häufige Fragen
Ist es normal, dass eine körperliche Krankheit auch die Seele belastet?
Ja, es ist normal, dass eine körperliche Krankheit auch die Seele belastet. Bis zu sechs von zehn Menschen mit einer Krebserkrankung berichten von einer allgemein hohen psychischen Belastung, und ähnliche Größenordnungen gelten für andere schwere Diagnosen.
Welche Warnzeichen zeigen, dass die seelische Belastung behandelt werden sollte?
Niedergeschlagenheit, Angst, sozialer Rückzug, Schlafstörungen, Reizbarkeit und Hoffnungslosigkeit sind Warnzeichen, die behandelt werden sollten, wenn sie zwei Wochen oder länger anhalten. Einzelne schlechte Tage sind dagegen kein Anlass zur Sorge.
Ist psychoonkologische Hilfe nur für schwer betroffene Menschen gedacht?
Nein, psychoonkologische Hilfe ist nicht nur für besonders schwer betroffene Menschen gedacht. Sie steht grundsätzlich allen Menschen mit einer Krebserkrankung offen, unabhängig davon, wie stark die seelische Belastung im Einzelfall ausfällt.
Was ist der Unterschied zwischen Psychoonkologie und Psychotherapie?
Psychoonkologie begleitet Menschen speziell während einer Krebserkrankung und ist meist direkt an die behandelnde Klinik angebunden. Psychotherapie behandelt seelische Belastungen unabhängig von der Diagnose und findet in der Regel ambulant in einer eigenen Praxis statt.
Woran erkenne ich den Unterschied zwischen normaler Trauer und einer Depression?
Normale Trauer bezieht sich vor allem auf die Erkrankung und das, was durch sie verloren geht, und lässt mit der Zeit spürbar nach. Eine Depression richtet sich stärker gegen die eigene Person insgesamt, geht mit tiefer Hoffnungslosigkeit einher und bessert sich ohne Behandlung häufig nicht von selbst.
Was kann ich als Angehöriger tun, wenn ich Warnzeichen bemerke?
Als Angehöriger hilft man am meisten, indem man die seelische Belastung offen anspricht und zu einer ärztlichen Abklärung ermutigt. Ratschläge wie Verreisen oder Sich-Zusammenreißen helfen dagegen selten, weil eine Depression nichts mit mangelnder Willensstärke zu tun hat.
Was tun bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen?
Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, hilft die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 116 123, im Notfall die 112. Solche Gedanken sollten nie abgewartet, sondern sofort angesprochen werden.
Quellen
- Neurologen und Psychiater im Netz: Krankheitsbild der Depression. neurologen-und-psychiater-im-netz.org
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: Depression. gesundheitsinformation.de
- Deutsches Krebsforschungszentrum, Krebsinformationsdienst: Seelische Belastungen und Angst. krebsinformationsdienst.de
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