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Anspruchsdenken als Merkmal des Narzissmus

Geprüft von der Redaktion

Anspruchsdenken als Merkmal des Narzissmus
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Anspruchsdenken, im Fachbegriff Entitlement, ist eines von neun DSM-5-Kriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
  • Betroffene erwarten Sonderbehandlung unabhängig von einer eigenen Leistung oder einem Verdienst.
  • Der Unterschied zu gesundem Selbstwert zeigt sich vor allem in der Reaktion auf Kritik und ein Nein.
  • Eine Längsschnittstudie deutet darauf hin, dass elterliche Überbewertung Anspruchsdenken bei Kindern fördert, nicht fehlende Wärme.
  • Anspruchsdenken belastet Beziehungen, weil eine Seite dauerhaft mehr nimmt, als sie zurückgibt.
  • Eine Diagnose setzt mindestens fünf von neun Kriterien über einen längeren Zeitraum voraus.

Sonderbehandlung als selbstverständliches Grundrecht

Anspruchsdenken bezeichnet die feste Überzeugung, automatisch bevorzugt behandelt zu werden, ohne dass eine Leistung oder ein Anlass das rechtfertigt. Das Diagnosehandbuch DSM-5 der American Psychiatric Association führt dieses Merkmal, im Original Entitlement genannt, als eines von neun Kriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Wer es zeigt, hält Vorrang für ein Grundrecht und nicht für einen Gefallen.

Der Unterschied zu echtem Selbstbewusstsein liegt genau hier. Wer sich etwas zutraut, begründet das mit einer Fähigkeit oder einer Erfahrung. Wer Anspruchsdenken zeigt, verlangt Vorrang ohne jede Begründung und reagiert gekränkt, sobald jemand danach fragt. Das Deutsche Ärzteblatt bezeichnet das Muster als offensives Anspruchsdenken, verbunden mit der Erwartung, bevorzugt behandelt zu werden, unabhängig vom Anlass.

Vier Signale zeigen anspruchsvolles Verhalten im Alltag

Anspruchsdenken zeigt sich seltener in einem einzelnen Satz als in einem wiederkehrenden Muster aus vier Verhaltensweisen: Sonderbehandlung wird erwartet, allgemeine Regeln gelten als Vorschrift für andere, Wartezeiten lösen Ungeduld aus, und eine Zurückweisung endet in Wut statt in Enttäuschung. Einzeln wirkt jedes Signal harmlos, zusammen ergeben sie ein Bild.

AnspruchSonderbehandlungerwartenRegeln gelten nichtfür michUngeduld bei WartenWut beiZurückweisung
Woran sich Anspruchsdenken zeigt Bild: KI generiert.
  • Sonderbehandlung erwarten zeigt sich, wenn ein Tisch im ausgebuchten Restaurant, ein Termin außer der Reihe oder ein unbegründeter Rabatt als Selbstverständlichkeit gilt und nicht als Gefallen.
  • Die Überzeugung, Regeln gelten nicht für mich, lässt Verkehrsregeln, Warteschlangen und Abgabefristen als Vorschrift für andere erscheinen, die im eigenen Fall eine Ausnahme verdient.
  • Ungeduld bei Warten meldet sich schon bei einer kurzen Verzögerung, weil die eigene Zeit wertvoller erscheint als die der wartenden Umgebung.
  • Wut bei Zurückweisung ersetzt die normale Enttäuschung, denn ein Nein wird nicht als Antwort verstanden, sondern als Provokation.

Woher Anspruchsdenken kommt

Lange standen sich zwei Erklärungen gegenüber. Die eine sah zu wenig elterliche Wärme als Ursache, die andere zu viel Bewunderung. Eine Längsschnittstudie von Eddie Brummelman und Kollegen, 2015 in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht, hat beide Annahmen erstmals über die Zeit geprüft. Untersucht wurden 565 Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren zusammen mit ihren Eltern, über vier Erhebungen im Abstand von je einem halben Jahr.

Das Ergebnis trennt zwei Dinge, die oft verwechselt werden. Narzisstische Züge und mit ihnen das Anspruchsdenken wurden vor allem durch elterliche Überbewertung vorhergesagt, also durch Eltern, die ihr Kind für besonderer und für berechtigter hielten als andere Kinder. Ein gesundes Selbstwertgefühl dagegen entstand aus elterlicher Wärme, aus Zuneigung und Wertschätzung. Wer sein Kind stärken will, ohne Anspruchsdenken zu fördern, findet in diesem Unterschied einen konkreten Hinweis: Wärme zeigen, ohne das Kind über andere zu stellen. Der Befund erklärt zugleich, warum sich Anspruchsdenken bei Erwachsenen so hartnäckig hält. Es ist in frühen Erfahrungen verankert und kein bloßer Vorsatz, den man ablegen kann.

Warum Anspruchsdenken Beziehungen belastet

Anspruchsdenken belastet Beziehungen, weil eine Seite über Jahre mehr nimmt, als sie gibt, ohne das selbst zu bemerken. Der Partner, ein Familienmitglied oder eine Kollegin gleicht die Lücke meist stillschweigend aus, bis die eigene Erschöpfung sichtbar wird. Wer die Schieflage anspricht, hört selten Einsicht, sondern Vorwürfe.

Diese Schieflage wächst mit der Zeit, weil jede erfüllte Erwartung die nächste zum Standard macht. Ein einmaliger Vorrang wird zur Regel, eine Ausnahme zum Anspruch. Bricht jemand diese Regel, und sei es nur durch eine normale Grenze, folgt eine Reaktion, die außer Verhältnis zum Anlass steht.

Unterschied zwischen Anspruchsdenken und gesundem Selbstwert

Gesunder Selbstwert und narzisstisches Anspruchsdenken unterscheiden sich vor allem in der Quelle der Sicherheit und in der Reaktion auf Kritik. Ein stabiles Selbstwertgefühl speist sich von innen und übersteht Widerspruch, ohne zu zerbrechen. Anspruchsdenken braucht ständige Bestätigung von außen und erlebt jede Kritik als Bedrohung der ganzen Person.

MerkmalGesunder SelbstwertNarzisstisches Anspruchsdenken
Reaktion auf Kritiknimmt sie auf, ohne sich als Person infrage zu stellenerlebt sie als Angriff und wertet die Kritik ab
Erwartung an anderebittet um etwas und akzeptiert ein Neinfordert etwas und wertet ein Nein als Fehler des anderen
Quelle der Sicherheiteigene Erfahrung und FähigkeitBewunderung und Sonderrolle von außen
Verhalten bei ZurückweisungEnttäuschung, die abklingtWut oder Rückzug, die anhalten

Der Psychiater Reinhard Haller ordnet moderate Ausprägungen als durchaus nützlich ein, denn wer sich in Maßen etwas zutraut, tritt begeisterungsfähig und durchsetzungsstark auf. Eine Auswertung von Emily Grijalva aus dem Jahr 2015 bestätigt diesen Zusammenhang für Führungskräfte: Stark narzisstisch auftretende Vorgesetzte wurden von ihren eigenen Chefs und von Mitarbeitern schlechter bewertet als Führungskräfte mit einem mittleren Maß. Erst die ausgeprägte, starre Form wird zum Anspruchsdenken im klinischen Sinn.

Wie sich Anspruchsdenken am Arbeitsplatz zeigt

Im Berufsleben tritt Anspruchsdenken oft unter dem Deckmantel von Leistungsbewusstsein auf und ist deshalb nicht immer sofort zu erkennen. Typisch sind die Erwartung, für jede Aufgabe die interessantesten Teile zugewiesen zu bekommen, das selbstverständliche Beanspruchen von Erfolgen des Teams für die eigene Person und die Erwartung von Ausnahmen bei Regeln, die für alle gelten, etwa bei Arbeitszeiten oder Zuständigkeiten.

Für Kolleginnen, Kollegen und Führungskräfte ist der wirksamste Hebel dabei die klare, sachliche Vereinbarung. Wer Zuständigkeiten, Fristen und Kriterien vorab schriftlich festhält, nimmt der Erwartung einer Sonderrolle den Raum, ohne in eine persönliche Auseinandersetzung zu geraten. Beleg zählt mehr als Behauptung: Eine Leistung, die dokumentiert ist, lässt sich schwerer allein einer Person zuschreiben, die sie nur laut für sich reklamiert.

Wie Fachleute Anspruchsdenken diagnostizieren

Anspruchsdenken allein reicht für keine Diagnose. Das DSM-5 verlangt mindestens fünf von neun Kriterien, die seit dem frühen Erwachsenenalter in mehreren Lebensbereichen dauerhaft auftreten, darunter neben dem Anspruchsdenken auch Grandiosität, ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung und fehlende Empathie. Eine Auswertung von fünf epidemiologischen Studien nennt eine mittlere Häufigkeit von 1,6 Prozent für die narzisstische Persönlichkeitsstörung, mit einem höheren Anteil bei Männern als bei Frauen.

Offenes und verdecktes Anspruchsdenken unterscheiden sich im Auftreten

Anspruchsdenken tritt in zwei Ausprägungen auf, die sich im Auftreten deutlich unterscheiden. Die offene, grandiose Form fordert Sonderbehandlung laut und sichtbar und reagiert auf Widerspruch mit direkter Wut. Die verdeckte, verletzliche Form hält dieselbe Erwartung im Stillen fest und reagiert auf ausbleibende Anerkennung eher mit Rückzug, Groll oder dem Gefühl, übergangen worden zu sein.

Beide Formen teilen denselben Kern, nämlich die Überzeugung, dass die eigene Position automatisch mehr wert ist als die der anderen. Der Unterschied liegt allein darin, ob diese Überzeugung nach außen getragen oder nach innen verborgen wird, bis eine Kränkung sie plötzlich sichtbar macht.

Gesundes Fordern ist nicht dasselbe wie Anspruchsdenken

Eigene Bedürfnisse anzumelden und Grenzen zu setzen ist gesund und hat mit Anspruchsdenken nichts zu tun. Der Unterschied liegt in der Begründung und im Umgang mit einem Nein. Wer gesund fordert, nennt einen Grund, akzeptiert eine Absage und rechnet die eigenen Wünsche gegen die der anderen auf. Wer Anspruchsdenken zeigt, verlangt Vorrang ohne Begründung und erlebt eine Absage als Angriff.

Diese Unterscheidung ist besonders für Menschen wichtig, die sich in der Nähe einer anspruchsvollen Person das eigene Fordern abgewöhnt haben. Aus Angst vor der überzogenen Reaktion des Gegenübers ziehen sie ihre eigenen Wünsche zurück, bis sie kaum noch spüren, was sie selbst brauchen. Der Weg zurück führt über kleine, klar begründete Bitten und das Aushalten eines Neins, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Wer wieder lernt, gesund zu fordern, verwechselt das nicht mit dem Muster, das er bei der anderen Person erlebt hat.

Abgrenzung: Ein einzelnes Erlebnis mit überzogenen Erwartungen ist keine Diagnose. Anspruchsdenken als klinisches Merkmal setzt ein dauerhaftes, situationsübergreifendes Muster voraus, das nur eine Fachperson mit Ausbildung in klinischer Diagnostik feststellen kann. Dieser Text ersetzt keine Diagnose und keine Therapie.

So gehst du damit um

  1. Erwartungen offen ansprechen, statt sie zu erraten oder stillschweigend zu erfüllen.
  2. Grenzen vorher festlegen, statt sie erst mitten in der Situation zu improvisieren.
  3. Eine Zurückweisung sachlich begründen, ohne dich für die Grenze zu rechtfertigen.
  4. Das Muster über mehrere Situationen beobachten, statt einen Einzelfall zu werten.
  5. Bei dauerhafter Belastung eine Beratungsstelle oder eine Psychotherapeutin einbeziehen.

Häufige Fragen

Was unterscheidet Anspruchsdenken von einem gesunden Selbstbewusstsein?

Anspruchsdenken unterscheidet sich von einem gesunden Selbstbewusstsein durch die Reaktion auf Widerspruch. Selbstbewusstsein übersteht ein Nein, Anspruchsdenken erlebt es als Angriff.

Woher kommt Anspruchsdenken?

Eine Längsschnittstudie aus dem Jahr 2015 deutet darauf hin, dass narzisstisches Anspruchsdenken bei Kindern vor allem durch elterliche Überbewertung entsteht, also durch Eltern, die ihr Kind für besonderer und berechtigter halten als andere. Elterliche Wärme förderte dagegen ein gesundes Selbstwertgefühl, nicht das Anspruchsdenken. Beides sollte deshalb nicht verwechselt werden.

Ist Anspruchsdenken allein ein Beweis für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Anspruchsdenken allein ist kein Beweis für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, denn eine Diagnose verlangt mindestens fünf von neun DSM-5-Kriterien über einen längeren Zeitraum.

Wie reagieren Menschen mit ausgeprägtem Anspruchsdenken auf eine Zurückweisung?

Menschen mit ausgeprägtem Anspruchsdenken reagieren auf eine Zurückweisung häufig mit Wut oder Kränkung, weil sie die Ablehnung als Angriff auf ihren Status statt als normale Antwort erleben.

Kommt Anspruchsdenken bei Männern oder Frauen häufiger vor?

Anspruchsdenken als Teil der narzisstischen Persönlichkeitsstörung kommt bei Männern häufiger vor als bei Frauen, wie eine Auswertung von fünf epidemiologischen Studien mit einer mittleren Häufigkeit von 1,6 Prozent zeigt.

Wie lässt sich mit dem Anspruchsdenken einer nahestehenden Person umgehen?

Mit dem Anspruchsdenken einer nahestehenden Person lässt sich am ehesten umgehen, wer Grenzen vorab klar benennt und eine Zurückweisung sachlich begründet, statt sich zu rechtfertigen.

Quellen

  1. MSD Manual Professional Edition, Narcissistic Personality Disorder (NPD) msdmanuals.com
  2. Deutsches Ärzteblatt, Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Erkrankung mit vielen Facetten aerzteblatt.de
  3. Spektrum der Wissenschaft, Gesundes Selbstwertgefühl oder Narzissmus? spektrum.de
  4. Brummelman et al., Origins of narcissism in children, PNAS 2015 pnas.org

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