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Fehlende Empathie als Kernmerkmal des Narzissmus

Geprüft von der Redaktion

Fehlende Empathie als Kernmerkmal des Narzissmus
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Empathie besteht aus zwei Anteilen: kognitiv erkennen, was jemand fühlt, und affektiv dieses Gefühl mitempfinden.
  • Eine Metaanalyse mit über 32.000 Teilnehmenden zeigt geringere affektive und kognitive Empathie bei hoher Narzissmusausprägung.
  • Manche Narzissten erkennen Gefühle anderer treffend, ohne dadurch selbst berührt zu werden.
  • Ein Teil des Defizits beruht auf fehlender Motivation, nicht nur auf fehlender Fähigkeit, das zeigt eine Studie zur gezielten Perspektivübernahme.
  • Kritik wird häufig als persönlicher Angriff verarbeitet statt als sachliche Rückmeldung.
  • Fehlende affektive Empathie erschöpft Partner, Familie und Kollegen, weil eigene Gefühle dauerhaft ungesehen bleiben.

Empathie besteht aus einem erkennenden und einem mitfühlenden Anteil

Empathie gliedert sich in der Forschung in zwei getrennte Fähigkeiten: kognitive Empathie, also das Erkennen und Verstehen der Gefühle einer anderen Person, und affektive Empathie, das tatsächliche Mitempfinden dieser Gefühle. Beide Anteile laufen bei den meisten Menschen weitgehend gleichzeitig ab, können aber unabhängig voneinander gestört sein. Genau diese Trennung erklärt, warum manche narzisstisch geprägten Personen Gefühle treffend benennen und trotzdem kalt wirken.

Eine Metaanalyse von Urbonaviciute und Hepper aus dem Jahr 2020 wertete Daten von mehr als 32.000 Personen aus 93 Einzelstudien aus. Das Ergebnis: Hohe Narzissmuswerte gehen im Schnitt mit geringerer affektiver und geringerer kognitiver Empathie einher, wobei der Zusammenhang bei der affektiven Empathie deutlicher ausfällt.

Warum Narzissten Gefühle erkennen, aber nicht mitfühlen

Narzissten erkennen Gefühle anderer oft zutreffend, weil kognitive Empathie eine nützliche Fähigkeit zur Einschätzung von Situationen ist und nicht zwingend mit Mitgefühl verbunden sein muss. Was fehlt, ist der zweite Schritt: das Gefühl selbst mitzuempfinden und daraus eine fürsorgliche Reaktion abzuleiten. Genau diese Lücke zwischen Erkennen und Mitfühlen macht das Verhalten für Außenstehende so schwer einzuordnen.

Forschung von Mota und Kollegen aus dem Jahr 2019 unterscheidet zusätzlich zwei Spielarten von Narzissmus. Bei der selbstbewusst auftretenden, sogenannten agentischen Form schätzen Betroffene ihre eigene Empathie selbst als hoch ein, obwohl Tests objektiv geringere Werte zeigen. Bei der feindseligen, antagonistischen Form fällt sowohl die kognitive als auch die affektive Empathie deutlich geringer aus, und Betroffene nehmen dieses Defizit eher wahr als die erste Gruppe.

Ist fehlende Empathie Unfähigkeit oder fehlende Motivation?

Ein weit verbreitetes Bild geht davon aus, dass narzisstischen Menschen die Fähigkeit zum Mitgefühl schlicht fehlt. Eine Untersuchung von Erica Hepper und Kollegen aus dem Jahr 2014 mit dem Titel "Moving Narcissus" wirft ein anderes Licht darauf. In mehreren Experimenten wurden stark narzisstische Teilnehmende gezielt aufgefordert, sich in die Lage einer leidenden Person hineinzuversetzen, etwa in eine Frau nach einer Trennung.

Das Ergebnis war deutlich: Sobald sie die Perspektive der anderen Person aktiv einnahmen, stiegen ihre selbst berichtete Anteilnahme und in einem der Versuche sogar die Herzfrequenz als körperliches Zeichen von Mitgefühl. Ohne diese Aufforderung blieb die Reaktion niedrig. Die Forschenden schließen daraus, dass das geringe Mitgefühl bei Narzissmus kein starres Unvermögen ist, sondern zu einem Teil auf fehlender Motivation beruht. Das ist für Angehörige zwiespältig: Es bedeutet nicht, dass sich das Verhalten von selbst ändert, wohl aber, dass ein Ansatzpunkt für gezielte Behandlung besteht. Im Alltag lässt sich diese Perspektivübernahme allerdings nicht von außen erzwingen.

Wie sich kognitive und affektive Empathie im Alltag unterscheiden

Im Alltag zeigt sich der Unterschied zwischen beiden Empathieformen deutlich an der Reaktion auf sichtbaren Kummer einer anderen Person. Die folgende Übersicht ordnet die zwei Anteile und ihre typische Ausprägung bei starkem narzisstischem Muster ein.

MerkmalWas es bedeutetTypisch bei starkem Narzissmus
Kognitive EmpathieGefühle einer anderen Person korrekt erkennen und benennenOft vorhanden, teils sogar gezielt genutzt
Affektive EmpathieDas erkannte Gefühl selbst mitempfindenDeutlich reduziert, besonders bei Kummer anderer
Reaktion auf KritikRückmeldung als Information zur eigenen Person einordnenWird oft als persönlicher Angriff verarbeitet
Umgang mit Bedürfnissen andererBedürfnisse anderer als eigenständig wichtig anerkennenAndere gelten häufig als Mittel zum eigenen Zweck

Diese Verschiebung erklärt auch ein häufiges Missverständnis: Wer Gefühle korrekt errät, wird schnell als einfühlsam wahrgenommen. Ob daraus tatsächlich Mitgefühl folgt, zeigt sich erst in der Reaktion, wenn die andere Person Unterstützung braucht statt nur Verständnis.

Woran fehlende Empathie im Alltag erkennbar wird

Fehlende Empathie zeigt sich im Alltag an wiederkehrenden Warnsignalen, die einzeln harmlos wirken können, in Kombination aber ein klares Muster ergeben.

EmpathieGefühle andererübergehenkein echtesMitgefühlKritik als Angriffandere als Mittelzum Zweck
Woran fehlende Empathie erkennbar wird Bild: KI generiert.
  • Gefühle anderer werden gehört, aber im weiteren Gespräch nicht berücksichtigt.
  • Trost oder Anteilnahme wirken einstudiert statt echt mitempfunden.
  • Sachliche Kritik löst Verteidigung, Gegenangriff oder Rückzug aus, nie Nachdenken.
  • Andere Menschen werden vor allem danach bewertet, welchen Nutzen sie bringen.

Für Angehörige ist besonders die dritte Reaktion aufschlussreich: Sachliche, wohlwollend gemeinte Kritik wird regelmäßig als Angriff auf die ganze Person gedeutet. Wer das erkennt, hört auf, sich für die überzogene Reaktion verantwortlich zu fühlen.

Welche Folgen fehlende Empathie für Beziehungen hat

Fehlende affektive Empathie zehrt Beziehungen langsam aus, weil die Gefühle einer Seite über Jahre hinweg systematisch übergangen werden. Partner berichten häufig, dass eigene Sorgen im Gespräch klein wirken, sobald das Thema wieder zur narzisstischen Person zurückkehrt. Kinder narzisstischer Elternteile lernen früh, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, weil emotionale Reaktionen des Elternteils regelmäßig Vorrang bekommen.

Bei Kindern verkehrt sich die Rollenverteilung oft in ihr Gegenteil. Statt vom Elternteil emotional versorgt zu werden, lernen sie, dessen Stimmungen zu beobachten und aufzufangen. In der Fachsprache heißt das Parentifizierung: Das Kind übernimmt eine fürsorgende Rolle, für die es weder zuständig noch reif ist. Wer als Erwachsener bemerkt, dass er in Beziehungen automatisch die Bedürfnisse anderer über die eigenen stellt, findet die Wurzel dieses Musters oft in genau dieser frühen Umkehr.

Am Arbeitsplatz zeigt sich derselbe Effekt in kleinerem Maßstab: Ein Vorgesetzter mit ausgeprägtem Empathiedefizit übergeht Belastungssignale im Team so lange, bis Kündigungen oder Krankschreibungen die Folgen sichtbar machen.

Auch empathische Menschen reagieren unter Stress, Erschöpfung oder eigenem Kummer zeitweise wenig einfühlsam. Der entscheidende Unterschied liegt im Muster: Bei einer vorübergehenden Lücke folgt später Bedauern und eine Korrektur, bei einem echten Empathiedefizit bleibt die fehlende Reaktion über Jahre und über verschiedene Beziehungen hinweg konstant.

Der Unterschied zu einer Autismus-Spektrum-Störung

Fehlende Einfühlung wird schnell mit einer Autismus-Spektrum-Störung verwechselt, dabei liegt oft das umgekehrte Muster vor. Bei einer Autismus-Spektrum-Störung fällt vor allem die kognitive Empathie schwer, also das Erkennen und Deuten fremder Gefühle aus Mimik, Tonfall oder Andeutung. Das affektive Mitgefühl, die echte Anteilnahme, wenn klar ist, dass es einem anderen Menschen schlecht geht, ist dagegen häufig vorhanden, manchmal sogar besonders stark.

Beim ausgeprägten Narzissmus ist es tendenziell andersherum: Die Gefühle anderer werden treffend erkannt, aber nicht mitempfunden und teils gezielt genutzt. Diese Unterscheidung ist mehr als akademisch, denn sie ändert, wie man ein Verhalten deutet. Wer die Signale des Gegenübers falsch liest, aber mitfühlt, meint es meist gut und stolpert nur über die Form. Wer sie richtig liest, aber nicht mitfühlt, entscheidet bewusst, wie er sie nutzt. Eine sichere Zuordnung trifft nur eine Fachperson, aber die Richtung des Musters gibt Angehörigen einen ersten Anhaltspunkt.

So gehst du damit um

  1. Erwarte kein Mitgefühl, das nicht abrufbar ist. Formuliere eigene Gefühle direkt und konkret, statt darauf zu hoffen, dass sie erkannt werden.
  2. Trenne Verstehen von Fürsorge. Ein zutreffendes Erkennen deiner Situation bedeutet nicht, dass daraus Rücksicht folgt.
  3. Nimm überzogene Reaktionen auf Kritik nicht persönlich. Sie sagen mehr über die Verarbeitung von Rückmeldung als über den Inhalt deiner Kritik.
  4. Beobachte das Muster über Zeit, nicht die einzelne Situation. Ein Empathiedefizit zeigt sich erst in der Wiederholung über Monate.
  5. Hol dir Unterstützung, wenn eigene Gefühle dauerhaft übergangen werden. Eine Beratungsstelle hilft, die eigene Wahrnehmung einzuordnen und Grenzen zu formulieren.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen kognitiver und affektiver Empathie?

Kognitive Empathie bedeutet, die Gefühle einer anderen Person korrekt zu erkennen und zu benennen, während affektive Empathie das tatsächliche Mitempfinden dieser Gefühle beschreibt. Beide Fähigkeiten laufen bei den meisten Menschen zusammen ab, können aber unabhängig voneinander eingeschränkt sein.

Haben Narzissten überhaupt keine Empathie?

Narzissten haben nicht generell keine Empathie, viele erkennen Gefühle anderer kognitiv durchaus zutreffend. Was häufig fehlt, ist die affektive Komponente, also das tatsächliche Mitempfinden, aus dem fürsorgliches Verhalten entsteht.

Ist die fehlende Empathie eine feste Unfähigkeit?

Nicht vollständig. Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigte, dass stark narzisstische Menschen mehr Anteilnahme zeigten, sobald sie gezielt aufgefordert wurden, die Perspektive einer leidenden Person einzunehmen. Ein Teil des Defizits beruht also auf fehlender Motivation und nicht nur auf fehlender Fähigkeit. Im Alltag lässt sich diese Perspektivübernahme allerdings nicht von außen erzwingen.

Warum wirken manche Narzissten trotz Empathiedefizit einfühlsam?

Manche Narzissten wirken trotz Empathiedefizit einfühlsam, weil ihre kognitive Empathie es ihnen erlaubt, Gefühle treffend zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, ohne selbst berührt zu sein. Diese Reaktion kann strategisch eingesetzt werden, etwa um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.

Warum reagieren Narzissten auf Kritik oft mit Wut statt mit Nachdenken?

Narzissten reagieren auf Kritik oft mit Wut, weil ihr instabiler Selbstwert Rückmeldung schwer als sachliche Information verarbeiten kann und sie stattdessen als Angriff auf die eigene Person interpretiert. Nachdenken würde voraussetzen, die Kritik zunächst emotional auszuhalten.

Kann sich fehlende Empathie im Erwachsenenalter noch verbessern?

Fehlende Empathie kann sich im Erwachsenenalter in begrenztem Umfang verbessern, vor allem durch längerfristige Psychotherapie, die auf das Erkennen eigener und fremder Gefühle abzielt. Ein vollständiger Wandel gelingt selten, spürbare Verbesserungen bei einzelnen Verhaltensweisen sind dokumentiert.

Quellen

  1. In-Mind, Ich weiß, wie Du Dich fühlst: Sind Narzissten so empathisch, wie sie von sich behaupten? de.in-mind.org
  2. Urbonaviciute und Hepper, When is narcissism associated with low empathy? A meta-analytic review, ScienceDirect sciencedirect.com
  3. Hepper, Hart und Sedikides, Moving Narcissus: Can Narcissists Be Empathic? Personality and Social Psychology Bulletin 2014 pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  4. MSD Manual Ausgabe für Patienten, Narzisstische Persönlichkeitsstörung msdmanuals.com

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