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Wie Narzissten andere ausnutzen

Geprüft von der Redaktion

Wie Narzissten andere ausnutzen
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Narzisstische Ausnutzung bedeutet, andere Menschen systematisch als Mittel zum eigenen Vorteil einzusetzen.
  • Das Muster folgt oft vier Phasen: Idealisieren, Vertrauen aufbauen, Nutzen ziehen und fallen lassen.
  • Betroffen sind Partnerschaften, der Arbeitsplatz und die eigene Familie in ähnlicher Weise.
  • Laut MSD Manual dient die Ausnutzung dem Erhalt des Selbstwertgefühls und seltener materiellem Gewinn.
  • Die Fähigkeit, andere zu durchschauen, bleibt dabei oft erhalten, das echte Mitfühlen mit ihnen dagegen nicht.
  • Wer das Muster früh erkennt, kann Grenzen setzen, bevor der Vertrauensvorschuss ausgenutzt wird.

Andere Menschen werden zum Mittel für eigene Ziele

Ausnutzung anderer bedeutet im Narzissmus, eine Beziehung, eine Freundschaft oder eine Zusammenarbeit gezielt danach zu bewerten, welchen Nutzen sie bringt. Das DSM-5 führt diese Ausbeutung interpersoneller Beziehungen als eigenes Kriterium der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Anders als bei einer antisozialen Persönlichkeitsstörung geht es dabei seltener um materiellen Gewinn als um den Erhalt des eigenen Selbstwertgefühls.

Das Deutsche Ärzteblatt beschreibt das Muster so, dass Betroffene in zwischenmenschlichen Beziehungen häufig ausbeuterisch sind und Nutzen aus anderen Personen ziehen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Freundschaften entstehen dabei seltener aus Zuneigung als aus einer stillen Prüfung, wofür die andere Person gut sein könnte. In der Persönlichkeitsforschung gilt diese ausbeuterische Haltung, oft zusammen mit Anspruchsdenken gemessen, als die Facette des Narzissmus, die am stärksten mit Problemen in Beziehungen zusammenhängt.

Das Muster der Ausnutzung verläuft in vier Phasen

Ausnutzung folgt in Beziehungen häufig einem wiederkehrenden Ablauf aus vier Phasen. Zuerst wird die andere Person idealisiert und eng eingebunden, danach wächst Vertrauen, anschließend wird dieses Vertrauen für eigene Zwecke genutzt, und am Ende steht das Fallenlassen, sobald der Nutzen erschöpft ist. Der Ablauf wiederholt sich oft mit wechselnden Personen.

1Idealisieren und einbinden2Vertrauen aufbauen3Nutzen ziehen4fallen lassen
Das Muster der Ausnutzung Bild: KI generiert.
PhaseVerhaltenErleben der anderen Person
Idealisieren und einbindenübertriebenes Lob, schnelle Nähe, das Gefühl besonderer ÜbereinstimmungWertschätzung, oft verbunden mit Erleichterung oder Verliebtheit
Vertrauen aufbauenVerlässlichkeit in kleinen Dingen, geteilte Geheimnisse, wachsende NäheSicherheit, die zur Bindung wird
Nutzen ziehenBitten häufen sich, Grenzen werden getestet, eine Gegenleistung bleibt ausVerwirrung darüber, wann Geben zur Pflicht wurde
Fallen lassenRückzug ohne Erklärung, Kontaktabbruch oder Ersatz durch eine neue PersonKränkung und die Frage, was an der Nähe real war

Warum Ausnutzung mit fehlender Empathie zusammenhängt

Ausnutzung wird erst dadurch möglich, dass eine bestimmte Form der Empathie fehlt. Die Forschung unterscheidet zwei Arten: die kognitive Empathie, also das Erkennen und Verstehen fremder Gefühle, und die affektive Empathie, also das echte Mitfühlen. Eine viel beachtete Arbeit von Baskin-Sommers, Krusemark und Ronningstam aus dem Jahr 2014 zeigt, dass bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung nicht die Empathie insgesamt fehlt, sondern vor allem die affektive Seite.

Das erklärt ein Rätsel, an dem viele Angehörige verzweifeln. Wie kann jemand so genau wissen, wo er trifft, und trotzdem so kalt bleiben? Die Antwort liegt in dieser Trennung: Die Fähigkeit, andere zu durchschauen und ihre wunden Punkte zu erkennen, bleibt erhalten und wird mitunter sogar zur Manipulation genutzt. Was fehlt, ist der innere Anteil, der normalerweise dazu führt, dass man das Leid eines anderen nicht ausnutzen will. Verstehen und Sich-Kümmern fallen hier auseinander.

Beziehungen werden zum Tauschgeschäft

Ein gemeinsamer Nenner der narzisstischen Ausnutzung ist eine transaktionale Sicht auf Beziehungen: Nähe, Hilfe und Zeit werden nicht verschenkt, sondern verrechnet. Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen weniger bereit sind, Ressourcen zu teilen, und selbst in Situationen, in denen es eigentlich um Gemeinschaft geht, eine wettbewerbsorientierte Haltung einnehmen. Jede Zuwendung trägt in dieser Logik eine unausgesprochene Rechnung.

Für die andere Person ist das schwer zu greifen, weil eine Beziehung normalerweise nicht wie ein Konto geführt wird. Auffällig wird es an kleinen Dingen: Ein Gefallen wird später eingefordert, ein Geschenk erzeugt eine Erwartung, und Großzügigkeit taucht vor allem dann auf, wenn kurz danach eine Bitte folgt. Selbst betont hilfsbereites Verhalten kann diesem Muster folgen, wenn die Hilfe vor allem dem eigenen Bild als guter Mensch dient und im Hintergrund eine Gegenleistung erwartet wird. Wer das Muster erkennt, nimmt eine spätere Forderung nicht mehr als überraschende Zumutung wahr, sondern als den zweiten Teil eines von Anfang an angelegten Tauschs.

Wie sich Ausnutzung in der Partnerschaft zeigt

In der Partnerschaft zeigt sich Ausnutzung daran, dass eine Seite Entscheidungen trifft, ohne die andere einzubeziehen, und emotionale Arbeit, Zeit oder Geld einseitig entgegennimmt. Bedürfnisse der Partnerin oder des Partners werden gehört, aber selten beantwortet, weil sie keinen erkennbaren Nutzen versprechen.

Wer ausgenutzt wird, passt sich oft weiter an, in der Hoffnung, die anfängliche Nähe aus der Idealisierungsphase zurückzugewinnen. Genau diese Hoffnung hält das Muster über Jahre am Laufen, weil sie eine Rückkehr verspricht, die selten eintritt.

Finanzielle Nutzung ist eine der sichtbarsten Formen: Kontostand, Erbschaft oder Gehalt der anderen Person werden Teil der gemeinsamen Planung, während das eigene Vermögen getrennt bleibt. Wer das anspricht, hört häufig, das gehöre doch ohnehin zusammen, eine Regel, die nur in eine Richtung gilt. Fachleute sprechen hier von ökonomischem Missbrauch und zählen ihn zu den anerkannten Formen häuslicher Gewalt. Gemeint ist jedes Verhalten, das die andere Person daran hindert, über eigenes Geld zu verfügen, es zu verdienen oder zu behalten, etwa durch strenge Zuteilung, erzwungenes Bitten um Geld oder das Verweigern von Zugang zu gemeinsamen Konten.

Wie sich Ausnutzung am Arbeitsplatz und in der Familie zeigt

Am Arbeitsplatz zeigt sich Ausnutzung, wenn eine Führungskraft Erfolge der eigenen Mitarbeiter als eigene Leistung darstellt und Fehler an das Team zurückgibt. In der Familie zeigt sich ein verwandtes Muster, wenn ein Kind lernt, eigene Wünsche zurückzustellen, damit ein Elternteil zufrieden bleibt. Beide Male steht die Beziehung im Dienst einer einzigen Person.

In der Familie trägt dieses Muster einen eigenen Namen: Parentifizierung. Den Begriff prägten die Familientherapeuten Iván Böszörményi-Nagy und Geraldine Spark 1973 in ihrem Buch "Invisible Loyalties". Gemeint ist eine Rollenumkehr, bei der ein Kind emotionale Aufgaben übernimmt, die eigentlich zum Elternteil gehören, etwa als Zuhörer für dessen Sorgen oder als verlässliche Quelle von Bestätigung. Das Kind lernt so früh, den eigenen Bedarf hinter den Bedarf des Elternteils zu stellen, und trägt dieses Muster oft unbemerkt in spätere Beziehungen. Nicht jede Mithilfe im Haushalt fällt darunter, sondern erst die dauerhafte Umkehr, die dem Kind das Recht nimmt, Kind zu sein.

Kolleginnen und Kollegen bemerken die Ausnutzung oft erst spät, weil die Anerkennung am Anfang echt wirkt. Genau diese anfängliche Anerkennung macht das Muster am Arbeitsplatz so schwer zu erkennen wie in der Partnerschaft. Beide beginnen mit einem Vertrauensvorschuss, den erst die Zeit als einseitig entlarvt.

Woran sich ausnutzendes Verhalten früh erkennen lässt

Ausnutzendes Verhalten lässt sich früh an vier Anzeichen erkennen: Die Kommunikation verläuft einseitig, Geben und Nehmen bleiben dauerhaft unausgeglichen, Kontakt entsteht sichtbar erst nach einem erkennbaren Nutzen, und die Zuwendung endet abrupt, sobald dieser Nutzen erschöpft ist. Wer mehrere dieser Anzeichen über Monate beobachtet, sieht ein Muster und keinen Zufall.

  • Die Kommunikation dreht sich fast ausschließlich um die Anliegen der anderen Person, eigene Themen bleiben unbeantwortet.
  • Geben und Nehmen bleiben über Monate unausgeglichen, ohne dass sich daran je etwas ändert.
  • Kontakt entsteht auffällig oft kurz vor einer Bitte und verblasst kurz danach wieder.
  • Zuwendung und Lob verschwinden abrupt, sobald der erwartete Nutzen ausbleibt.

Abgrenzung: Gelegentlicher Eigennutz ist normal und noch keine narzisstische Ausnutzung. Jeder Mensch bittet gelegentlich um einen Gefallen, ohne sofort etwas zurückzugeben. Erst ein dauerhaftes, einseitiges Muster über mehrere Beziehungen hinweg deutet auf eine narzisstische Störung hin, und die endgültige Einordnung bleibt einer Fachperson vorbehalten.

So gehst du damit um

  1. Geben und Nehmen über mehrere Monate beobachten, statt eine einzelne Bitte zu bewerten.
  2. Eigene Grenzen benennen, bevor eine Bitte zur stillschweigenden Verpflichtung wird.
  3. Im beruflichen Kontext Absprachen schriftlich festhalten, damit Zuschreibungen nachvollziehbar bleiben.
  4. Emotionale Distanz wahren, ohne dich für diese Distanz zu rechtfertigen.
  5. Bei finanzieller Nutzung eigene Konten und Vermögenswerte klar trennen und im Zweifel eine Schuldner- oder Rechtsberatung hinzuziehen.
  6. Bei anhaltender Ausnutzung fachliche Beratung suchen oder den Kontakt einschränken.

Häufige Fragen

Was bedeutet Ausnutzung als Merkmal des Narzissmus genau?

Ausnutzung als Merkmal des Narzissmus bedeutet, eine Beziehung gezielt danach zu bewerten, welchen Nutzen sie für die eigenen Ziele bringt, und Nähe vor allem deshalb aufzubauen.

Warum bauen Narzissten zuerst Vertrauen auf, bevor sie jemanden ausnutzen?

Narzissten bauen zuerst Vertrauen auf, weil eine Bitte oder eine Grenzüberschreitung erst dann ohne Widerstand gelingt, wenn die andere Person sich bereits gebunden fühlt.

Endet ausnutzendes Verhalten immer mit einem abrupten Kontaktabbruch?

Ausnutzendes Verhalten endet nicht immer mit einem abrupten Kontaktabbruch, denn oft bleibt der Kontakt lose bestehen, bis ein neuer Nutzen erkennbar wird.

Können Narzissten die Gefühle anderer überhaupt wahrnehmen?

Narzissten können die Gefühle anderer oft erstaunlich genau wahrnehmen und verstehen, es fehlt ihnen aber häufig das echte Mitfühlen. Diese Trennung zwischen dem Erkennen und dem Sich-Kümmern erklärt, warum sie wissen, wo sie treffen, und trotzdem ausnutzen können.

Worin unterscheidet sich narzisstische Ausnutzung von normalem Eigennutz?

Narzisstische Ausnutzung unterscheidet sich von normalem Eigennutz durch die Dauer und die Einseitigkeit des Musters, das sich über Monate oder Jahre hinweg nie umkehrt.

Wie schützt man sich am Arbeitsplatz vor ausnutzendem Verhalten?

Am Arbeitsplatz schützt man sich vor ausnutzendem Verhalten am ehesten durch schriftliche Absprachen, klare Zuständigkeiten und den bewussten Einbezug von Vorgesetzten oder dem Betriebsrat.

Ist die einseitige Nutzung von Geld in einer Beziehung eine Form von Missbrauch?

Die dauerhafte, einseitige Nutzung von Geld oder die Kontrolle über die Finanzen der anderen Person gilt als ökonomischer Missbrauch und wird zu den Formen häuslicher Gewalt gezählt. Gemeint ist jedes Verhalten, das jemanden daran hindert, über eigenes Geld frei zu verfügen, es zu verdienen oder zu behalten.

Quellen

  1. MSD Manual Professional Edition, Narcissistic Personality Disorder (NPD) msdmanuals.com
  2. Deutsches Ärzteblatt, Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Erkrankung mit vielen Facetten aerzteblatt.de
  3. Gori, A. und Topino, E. (2025), DSM-5-TR Criteria and Domains for Narcissistic Personality Disorder: Evidence From Network Analysis, Clinical Psychology & Psychotherapy pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  4. Baskin-Sommers, Krusemark und Ronningstam, Empathy in Narcissistic Personality Disorder antoniocasella.eu

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