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Kaufsucht erkennen und bewältigen

Geprüft von der Redaktion

Kaufsucht erkennen und bewältigen
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kaufsucht ist eine anerkannte Verhaltenssucht, bei der das Gefühl beim Kaufen zählt, nicht der Besitz der Ware.
  • Nach Schätzungen von Fachleuten sind zwischen 1 und 6 Prozent der Bevölkerung betroffen, überwiegend Frauen.
  • Typisch ist ein Kreislauf aus Anspannung, Kaufen, kurzer Erleichterung und anschließender Scham.
  • Online-Shops mit Ein-Klick-Bestellung und personalisierter Werbung senken die Hemmschwelle zusätzlich.
  • Kaufsucht tritt selten allein auf und geht häufig mit Depression, Angst oder zwanghaftem Horten einher.
  • Verhaltenstherapie und Schuldnerberatung helfen gemeinsam, sowohl das Kaufverhalten als auch bestehende Schulden in den Griff zu bekommen.

Was Kaufsucht von normalem Einkaufen unterscheidet

Kaufsucht liegt vor, wenn Menschen Waren erwerben, ohne dass dafür ein tatsächlicher Bedarf besteht, getrieben von einem kaum zu kontrollierenden Drang zum Kaufen. Entscheidend ist dabei nicht das Produkt selbst, sondern das positive Gefühl während des Einkaufens.

Wer sich hin und wieder etwas gönnt, das er eigentlich nicht braucht, ist damit noch nicht kaufsüchtig. Der Unterschied liegt im Kontrollverlust: Menschen mit einer Kaufsucht können den Impuls zum Kaufen in dem Moment, in dem er auftritt, kaum noch stoppen, selbst wenn ihnen bewusst ist, dass sie sich damit schaden. Häufig entstehen die Kaufattacken impulsiv aus Stresssituationen oder aus unangenehmen Anspannungszuständen heraus, nicht aus einem geplanten Wunsch nach einem bestimmten Gegenstand.

Ist Kaufsucht eine anerkannte Erkrankung?

Kaufsucht wird in der Fachwelt als eigenständiges Störungsbild ernst genommen, ihr Platz in den offiziellen Diagnosesystemen ist aber noch nicht endgültig geklärt. In der aktuellen internationalen Klassifikation ICD-11 taucht die Kauf-Shopping-Störung als Beispiel für eine sonstige näher bezeichnete Störung der Impulskontrolle auf, hat aber noch keine eigene, für sich stehende Diagnosenummer wie etwa die Glücksspielsucht.

Fachlich wird Kaufsucht meist als Verhaltenssucht eingeordnet, also als Sucht ohne Substanz, mit ähnlichen Mechanismen im Belohnungssystem wie beim Glücksspiel. In Deutschland forscht vor allem die Psychologin Astrid Müller an der Medizinischen Hochschule Hannover zu diesem Thema. Fachleute beschreiben Kaufsucht über drei Merkmale: eine starke gedankliche Beschäftigung mit dem Einkaufen, kaum widerstehbare Kaufimpulse und wiederkehrende Kaufexzesse, die zu Leidensdruck und zu Problemen im Alltag führen. Nach einer Zusammenschau internationaler Studien ist etwa jeder zwanzigste Erwachsene betroffen.

Wie Kaufen zur Gefühlsregulierung wird

Bei einer Kaufsucht dient das Kaufen in erster Linie dazu, ein unangenehmes Gefühl zu lindern, nicht dazu, einen Gegenstand zu besitzen. Die kurze Euphorie beim Bezahlen wirkt wie ein schnelles Mittel gegen Anspannung, Langeweile oder schlechte Laune.

Direkt vor dem Kauf steigt bei Betroffenen typischerweise die innere Anspannung, die sich während der Kaufhandlung in ein Hochgefühl verwandelt. Dieser Effekt hält jedoch nur kurz an. Schon wenig später setzen häufig Schuld- und Schamgefühle ein, weil der gekaufte Gegenstand oft ungenutzt bleibt oder das Geld an anderer Stelle fehlt. Genau diese negativen Gefühle werden dann wieder durch einen neuen Kauf betäubt, wodurch sich die ursprüngliche Anspannung nie wirklich auflöst, sondern von einer Kaufattacke zur nächsten weitergereicht wird.

Der Kreislauf der Kaufsucht

Der Kreislauf einer Kaufsucht beginnt mit Anspannung oder Frust, führt über das Kaufen zu einer kurzen Erleichterung und endet in Schuldgefühlen und wachsenden Schulden, die neue Anspannung erzeugen. Dieser sich wiederholende Ablauf hält die Sucht aufrecht.

Anders als bei einem einmaligen Fehlkauf wiederholt sich dieser Ablauf bei einer Kaufsucht immer wieder, oft über Jahre, ohne dass Außenstehende davon etwas mitbekommen. Nach außen wirken Betroffene häufig unauffällig oder sogar besonders gepflegt und modisch gekleidet, während im Hintergrund unbezahlte Rechnungen, ungeöffnete Pakete oder mehrere Kreditkarten mit hoher Auslastung liegen.

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Der Kreislauf der Kaufsucht. Bild: KI generiert.

Warum Online-Shopping das Risiko erhöht

Online-Shopping verschärft eine bestehende Kaufsucht, weil Geschäfte rund um die Uhr geöffnet sind, ein Kauf mit einem einzigen Klick abgeschlossen ist und personalisierte Werbung gezielt an frühere Anspannungssituationen anknüpft. Die Hürde, die ein Weg in die Innenstadt früher darstellte, entfällt komplett.

Wo ein Ladengeschäft irgendwann schließt und der Weg dorthin Zeit zum Nachdenken lässt, ist ein Onlineshop jederzeit erreichbar, auch nachts oder in Momenten größter Anspannung. Gespeicherte Zahlungsdaten und Ein-Klick-Bestellungen nehmen zusätzlich jede Pause, in der ein Impuls noch hätte abklingen können. Hinzu kommt, dass viele Plattformen das bisherige Kaufverhalten auswerten und gezielt Angebote einblenden, die genau in Momente emotionaler Anspannung passen, etwa spätabends oder nach einem stressigen Arbeitstag. Für Menschen mit einer Kaufsucht bedeutet das eine deutlich geringere Hemmschwelle als beim Einkaufen vor Ort.

Die Forschung beschreibt das Kaufen im Internet inzwischen als eigene Ausprägung, die Online-Kaufsucht. Sie gilt als besonders schwer zu kontrollieren, weil sie ständig verfügbar ist und sich leichter vor anderen verbergen lässt als der wiederholte Gang in dieselben Geschäfte.

Kaufsucht kommt selten allein

Kaufsucht tritt selten für sich allein auf, sondern häufig zusammen mit anderen seelischen Belastungen. Am häufigsten sind Depressionen und Angststörungen, die dem Kaufverhalten oft vorausgehen oder es begleiten. Das passt zum Muster der Gefühlsregulierung: Wer unter einer gedrückten Stimmung oder starker Anspannung leidet, greift eher zu einem Mittel, das kurzfristig Erleichterung verspricht.

Auch eine Nähe zum zwanghaften Horten ist bekannt, also zur Schwierigkeit, sich von Dingen zu trennen. Für die Behandlung ist dieser Zusammenhang wichtig. Wird nur das Kaufverhalten in den Blick genommen, aber die zugrunde liegende Depression oder Angst übersehen, bleibt ein wichtiger Antrieb unbehandelt. Eine gute Diagnostik in der Suchtberatung oder bei einer Fachperson klärt deshalb von Anfang an, was noch mitschwingt.

Welche Folgen eine Kaufsucht auf die Finanzen hat

Eine unbehandelte Kaufsucht führt in vielen Fällen zu einer erheblichen Überschuldung, weil laufende Ausgaben dauerhaft die eigenen Mittel übersteigen und die Betroffenen dies vor sich selbst und anderen lange verbergen. Die folgende Übersicht zeigt typische Warnzeichen auf dem Weg in die finanzielle Schieflage.

WarnzeichenWas dahintersteckt
Mehrere Kreditkarten oder Ratenkäufe gleichzeitigEin Zahlungsweg allein deckt die Ausgaben nicht mehr
Ungeöffnete Pakete oder ungetragene KleidungDer Kaufakt zählte, nicht das Produkt selbst
Verheimlichte Rechnungen oder KontoauszügeBeginnende Scham und Angst vor Konfrontation
Mahnungen, die liegen bleibenVermeidung statt Auseinandersetzung mit der Lage
Neue Käufe trotz bestehender SchuldenDer Kreislauf aus Anspannung und Kaufen läuft weiter

Wie Behandlung und Schuldnerberatung zusammenwirken

Eine wirksame Behandlung der Kaufsucht kombiniert in der Regel eine Verhaltenstherapie mit einer Schuldnerberatung, weil das Verhalten und die daraus entstandenen finanziellen Folgen getrennte, aber miteinander verknüpfte Probleme sind. Beides gleichzeitig anzugehen erhöht die Chance auf einen dauerhaften Ausstieg.

In der Verhaltenstherapie lernen Betroffene, die Situationen zu erkennen, die typischerweise zu einer Kaufattacke führen, und entwickeln alternative Strategien im Umgang mit Anspannung. Die kognitive Verhaltenstherapie gilt dabei als das am besten belegte Verfahren, weil sie gezielt die auslösenden Gedanken und Gewohnheiten bearbeitet. Praktische Maßnahmen wie das Abgeben von Kreditkarten, das Löschen gespeicherter Zahlungsdaten in Onlineshops oder feste Bargeldbudgets unterstützen diesen Prozess im Alltag. Parallel dazu hilft eine kostenlose Schuldnerberatung, etwa über die Verbraucherzentrale, dabei, einen realistischen Überblick über bestehende Verbindlichkeiten zu bekommen und einen Weg aus der Verschuldung zu finden, von der Verhandlung mit Gläubigern bis zu einem geregelten Schuldenabbau.

Die ersten Schritte aus der Kaufsucht

  1. Erkenne das Kaufverhalten offen als Problem an, statt es vor dir selbst oder anderen kleinzureden.
  2. Lösche gespeicherte Zahlungsdaten in Onlineshops und deinstalliere Shopping-Apps, die den Kauf unnötig erleichtern.
  3. Gib Kreditkarten für eine Weile an eine Vertrauensperson ab und arbeite stattdessen mit einem festen Bargeldbudget.
  4. Verschaff dir einen vollständigen Überblick über alle offenen Rechnungen und Kredite, so unangenehm das ist.
  5. Wende dich an eine Suchtberatungsstelle oder eine Schuldnerberatung, um Verhalten und Finanzen gemeinsam zu ordnen.

Wenn dich die Sucht überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, die Sucht- und Drogen-Hotline unter 01806 313031, im Notfall die 112.

Häufige Fragen

Wie erkenne ich, ob ich kaufsüchtig bin oder nur gerne einkaufe?

Ein Hinweis auf Kaufsucht ist der Kontrollverlust: Du kaufst, obwohl du es dir eigentlich nicht leisten kannst, bereust den Kauf kurz danach und wiederholst ihn trotzdem immer wieder. Wer sich gelegentlich etwas gönnt und danach zufrieden ist, ist damit nicht gemeint.

Ist Kaufsucht eine anerkannte Krankheit?

Kaufsucht wird fachlich als Verhaltenssucht ernst genommen, hat in der internationalen Klassifikation ICD-11 aber noch keine eigene Diagnosenummer, sondern gilt dort als Beispiel für eine sonstige Störung der Impulskontrolle. Für die Behandlung ist diese Einordnung zweitrangig: Betroffene bekommen in Suchtberatung und Psychotherapie Hilfe.

Warum kaufen Menschen mit Kaufsucht Dinge, die sie gar nicht brauchen?

Menschen mit Kaufsucht kaufen, um ein unangenehmes Gefühl wie Anspannung, Stress oder Langeweile kurzfristig zu lindern. Das Produkt selbst spielt dabei eine untergeordnete Rolle, entscheidend ist das Hochgefühl während des Kaufakts.

Wie hängen Kaufsucht und Verschuldung zusammen?

Kaufsucht führt häufig zu einer schleichenden Überschuldung, weil laufende Ausgaben die eigenen finanziellen Mittel dauerhaft übersteigen und Betroffene das lange verbergen. Mehrere Kreditkarten und Ratenkäufe gleichzeitig sind ein typisches Warnzeichen.

Tritt Kaufsucht zusammen mit anderen Erkrankungen auf?

Ja, Kaufsucht tritt selten allein auf und geht häufig mit Depression, Angststörungen oder zwanghaftem Horten einher. Deshalb klärt eine gute Diagnostik von Anfang an, welche weiteren Belastungen mitbehandelt werden müssen.

Warum ist Online-Shopping für Menschen mit Kaufsucht besonders riskant?

Online-Shopping ist rund um die Uhr verfügbar, ein Kauf ist mit einem Klick erledigt und personalisierte Werbung setzt gezielt an Momenten der Anspannung an. Diese fehlende Hemmschwelle macht es für Betroffene deutlich schwerer, einen Kaufimpuls zu stoppen.

Wo bekomme ich Hilfe, wenn ich wegen Kaufsucht bereits Schulden habe?

Bei bestehenden Schulden hilft eine kostenlose Schuldnerberatung, etwa bei der Verbraucherzentrale, während eine Suchtberatungsstelle oder eine Verhaltenstherapie beim eigentlichen Kaufverhalten ansetzt. Beide Angebote lassen sich gut miteinander kombinieren.

Quellen

  1. Bundesweites Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zur Suche einer Beratungsstelle vor Ort. dhs.de
  2. Informationen der Verbraucherzentrale zu Krediten, Schulden und dem Weg aus einer Überschuldung. verbraucherzentrale.de
  3. Ärztlicher Ratgeber zu Auslösern von Kaufattacken und zur Behandlung von Kaufsucht. neurologen-und-psychiater-im-netz.org
  4. AOK: Kaufsucht, wenn Konsum zur Krankheit wird. aok.de

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