Helfer in der Krise

Internet- und Mediensucht verstehen

Geprüft von der Redaktion

Internet- und Mediensucht verstehen
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Seit 2022 ist die Computerspielstörung als eigenständige Diagnose in der ICD-11 anerkannt.
  • Laut einer DAK-Studie gelten 6,6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen als abhängig von sozialen Medien, weitere 21,5 Prozent nutzen sie riskant.
  • Entscheidend ist nicht die Zeit vor dem Bildschirm, sondern der Verlust der Kontrolle über die eigene Nutzung.
  • Betroffen sind vor allem Gaming, soziale Medien und Streaming, zunehmend auch KI-Chatbots.
  • Kostenlose Online-Beratung und eine schrittweise Reduktion helfen beim Weg zurück zu einem gesunden Umgang.

Was eine Onlinesucht von intensiver Nutzung unterscheidet

Eine Onlinesucht liegt vor, wenn jemand die Kontrolle über Dauer, Häufigkeit und Umstände seiner Internetnutzung verliert, das Online-Sein wichtiger nimmt als andere Interessen und trotz spürbarer negativer Folgen nicht aufhören kann. Reine Begeisterung für ein Spiel oder eine App reicht für diese Diagnose nicht aus.

Kinder und Jugendliche, die stundenlang zocken oder scrollen, sind deshalb noch nicht automatisch süchtig. Übermäßige Begeisterung für ein Hobby gehört bei den meisten zur normalen Entwicklung dazu, gerade weil sich der Austausch mit Gleichaltrigen heute stark über digitale Kanäle abspielt. Problematisch wird es erst, wenn mehrere Warnsignale gleichzeitig und über längere Zeit auftreten und sich die Nutzung gleichzeitig der eigenen Kontrolle entzieht. Eine verlässliche Diagnose kann am Ende nur eine Ärztin, ein Arzt oder eine Therapeutin stellen, kein Selbsttest allein.

Welche Kriterien für die Diagnose zählen

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt die Computerspielstörung in der ICD-11 über drei Kernmerkmale, und dieselbe Logik lässt sich auf andere Formen der Onlinesucht übertragen. Erstens der Kontrollverlust: Beginn, Häufigkeit, Dauer und Ende der Nutzung entgleiten der eigenen Steuerung. Zweitens der Vorrang: Das Spiel oder die App bekommt immer mehr Gewicht gegenüber anderen Interessen und alltäglichen Pflichten. Drittens das Weitermachen trotz negativer Folgen, obwohl Schule, Beruf, Gesundheit oder Beziehungen erkennbar leiden.

Zusätzlich zählt die Dauer. Das Verhaltensmuster muss in aller Regel über etwa zwölf Monate bestehen, damit die Diagnose gestellt wird, in schweren Fällen kann diese Zeitspanne kürzer sein. Das ist wichtig gegen zwei Fehlschlüsse: Eine intensive Phase von wenigen Wochen ist noch keine Sucht, und eine hohe Bildschirmzeit allein reicht ebenfalls nicht. Erst wenn Kontrollverlust, Vorrang und Weitermachen trotz Schaden über längere Zeit zusammenkommen, spricht die Fachwelt von einer behandlungsbedürftigen Störung.

Welche Formen problematischer Nutzung es gibt

Am häufigsten betroffen sind Computerspiele, soziale Netzwerke und Streamingdienste, dazu kommen Online-Shopping, Internetpornografie und in wachsendem Maß auch KI-Chatbots. Jede dieser Formen kann für sich allein zu einer Nutzungsstörung führen.

Bei Computerspielen, im Fachjargon Gaming Disorder genannt, dreht sich das Denken zunehmend um das nächste Level oder den nächsten Erfolg im Spiel, selbst dann, wenn gerade nicht gespielt wird. Bei sozialen Netzwerken übernehmen Likes und Benachrichtigungen diese Funktion: Jede Reaktion löst eine kleine Ausschüttung von Dopamin im Belohnungssystem des Gehirns aus, und genau dieser Mechanismus macht das ständige Nachschauen so schwer zu unterbrechen. Beim Streaming verschwimmt häufig die Grenze zwischen einer geplanten Folge und stundenlangem Weiterschauen ohne bewusste Entscheidung. Nach Einschätzung von Fachleuten ist die Computerspielstörung in der Allgemeinbevölkerung vermutlich die bekannteste dieser Störungen, während Nutzungsstörungen rund um soziale Netzwerke insgesamt sogar häufiger vorkommen.

Viele dieser Angebote sind bewusst so gestaltet, dass sie möglichst lange fesseln. Endlose Feeds ohne natürliches Ende, automatisch startende nächste Folgen, Belohnungen, die in unregelmäßigen Abständen auftauchen, und Spielelemente, die zum täglichen Einloggen drängen. Diese Mechanismen wirken bei allen, nicht nur bei gefährdeten Menschen. Das erklärt, warum ein Rückfall in altes Nutzungsverhalten so leicht passiert und warum ein bewusster Umgang mit diesen Reizen für jeden sinnvoll ist, unabhängig von einer Diagnose.

Wie die Zahlen zur Mediensucht bei Jugendlichen aussehen

Nach der jüngsten DAK-Suchtstudie gelten 6,6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland als abhängig von sozialen Medien, umgerechnet rund 350.000 Kinder und Jugendliche. Weitere 21,5 Prozent, etwa 1,1 Millionen, nutzen soziale Medien in einer riskanten Weise.

Beim Streaming ist die Zahl der riskant Nutzenden binnen eines Jahres um 60 Prozent gestiegen, auf inzwischen 20 Prozent, während 4 Prozent bereits die Kriterien einer Sucht erfüllen. Bei Computerspielen stieg der Anteil mit einer pathologischen Nutzung von 2,7 Prozent im Jahr 2019 auf 6,3 Prozent im Jahr 2022, was hochgerechnet etwa 330.000 betroffenen Kindern und Jugendlichen entspricht. Insgesamt geht die Studie von rund 2,2 Millionen jungen Menschen aus, deren Nutzung von Gaming, sozialen Medien oder Streaming problematisch ist. Neu in der Erhebung ist eine wachsende Nutzung von KI-Chatbots: Mehr als ein Viertel der befragten Jugendlichen nutzt sie mehrmals pro Woche, und bei Jugendlichen mit depressiven Symptomen setzt mehr als jeder Dritte sie gezielt gegen Einsamkeit ein.

Die Anzeichen einer Onlinesucht

Zu den deutlichsten Warnsignalen zählen der Verlust der Kontrolle über die eigene Nutzungszeit, ständiges Kreisen der Gedanken um das Spiel oder die App, Reizbarkeit oder Verzweiflung, wenn das Gerät nicht verfügbar ist, sowie die Vernachlässigung von Schule, Freundschaften und Schlaf.

Wer merkt, dass er sich vorgenommene Nutzungszeiten immer wieder selbst nicht einhält und die Zeit am Bildschirm sich stetig erhöht, sollte das ernst nehmen. Dasselbe gilt für sozialen Rückzug: wenn Treffen mit Freunden, Sport oder andere Hobbys nach und nach hinter dem Onlinesein zurückbleiben. Auch körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder chronischer Schlafmangel können Folge einer übermäßigen Nutzung sein. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Formen dieser Nutzungsstörung und ihre typischen Merkmale zusammen.

OnlineKontrollverlustZeitverlustSozialer RückzugReizbarkeit ohneGerätVernachlässigung vonPflichtenGedankliches Kreisen
Anzeichen einer Onlinesucht. Bild: KI generiert.

Welche Nutzungsformen wie häufig betroffen sind

Die drei am besten untersuchten Formen einer Onlinesucht bei Jugendlichen sind Computerspiele, soziale Netzwerke und Streaming. Sie unterscheiden sich deutlich darin, wie viele Jugendliche betroffen sind und wie stark die Zahlen zuletzt gestiegen sind.

NutzungsformRiskante NutzungAbhängig / Suchtkriterien erfülltEntwicklung
Soziale Medien21,5 Prozent6,6 ProzentAnstieg um 1,9 Prozentpunkte zum Vorjahr
Computerspielekeine Angabe in der aktuellen Welle6,3 Prozent (2022, zuvor 2,7 Prozent 2019)mehr als verdoppelt seit 2019
Streaming20 Prozent4 ProzentAnstieg um 60 Prozent zum Vorjahr

Warum Jugendliche besonders gefährdet sind

Jugendliche sind für eine Onlinesucht besonders anfällig, weil ihr Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet und Bereiche für Impulskontrolle erst spät ausreifen. Gleichzeitig läuft ihr sozialer Alltag stark über digitale Kanäle, wodurch intensive Nutzung normal erscheint, selbst wenn sie es nicht mehr ist.

Untersuchungen zufolge verbringen Jugendliche im Schnitt weit über drei Stunden pro Wochentag mit Medien, und ein Großteil des Austauschs mit Gleichaltrigen findet dort statt, wo auch die riskanten Angebote liegen: in Spielen, sozialen Netzwerken und Gruppenchats. Wer aus dieser Gruppe ausgeschlossen ist, weil er weniger online ist, spürt das sofort. Dieser soziale Druck macht es für Jugendliche schwerer als für Erwachsene, eigene Grenzen zu setzen, und macht die Rolle von Eltern und Fachkräften umso wichtiger, die Warnsignale frühzeitig ansprechen, ohne das gesamte Mediennutzungsverhalten zu verteufeln.

Häufig ist die übermäßige Nutzung auch ein Ventil. Wer sich in der Schule überfordert, ausgegrenzt oder niedergeschlagen fühlt, findet im Spiel oder im Chat einen Ort, an dem er Erfolg, Anerkennung und Kontrolle erlebt. Das erklärt, warum ein reines Verbot oft nicht wirkt: Es nimmt das Ventil weg, ohne den dahinterliegenden Druck zu lösen. Deshalb schaut eine gute Behandlung immer auch darauf, wovor die Onlinewelt gerade schützt.

Was Eltern konkret tun können

Eltern können viel bewirken, wenn sie früh und ohne Drama ins Gespräch gehen. Der wichtigste Schritt ist Interesse statt Kontrolle: sich zeigen lassen, was das Kind spielt oder auf welcher Plattform es unterwegs ist, und verstehen, was daran anzieht. Wer die Faszination ernst nimmt, wird eher gehört als jemand, der pauschal verurteilt.

Bewährt haben sich klare, gemeinsam vereinbarte Regeln statt einseitiger Verbote: feste bildschirmfreie Zeiten etwa beim Essen und vor dem Schlafen, das Gerät nachts aus dem Kinderzimmer, und Absprachen, die zum Alter passen und mitwachsen. Ebenso wichtig ist das eigene Vorbild, weil Kinder das Medienverhalten der Erwachsenen genau beobachten. Wenn Regeln allein nicht mehr greifen und die Nutzung über Monate außer Kontrolle bleibt, ist eine Erziehungs- oder Suchtberatungsstelle der richtige Ort, auch für die Eltern selbst. Sie müssen die Lösung nicht allein finden.

Wie eine Onlinesucht behandelt wird

Eine Onlinesucht ist behandelbar, und das Ziel ist bei den meisten Formen nicht der völlige Verzicht, sondern ein kontrollierter, gesunder Umgang. Anders als bei Alkohol oder Drogen lässt sich das Internet im Alltag kaum vollständig meiden, deshalb geht es darum, die Nutzung wieder steuern zu lernen. Kern der Behandlung ist meist eine Verhaltenstherapie, die die Auslöser des Nutzungsdrangs herausarbeitet und neue Wege einübt, mit Langeweile, Stress oder Einsamkeit umzugehen.

Im deutschsprachigen Raum gibt es inzwischen ambulante und stationäre Angebote, die sich in der Intensität nach dem Schweregrad richten. Für viele reicht eine ambulante Beratung oder Therapie, bei schweren Verläufen mit starkem Rückzug oder zusätzlichen seelischen Erkrankungen kommt eine stationäre Behandlung infrage. Oft steckt hinter der Onlinesucht noch etwas anderes, etwa eine Depression, eine Angststörung oder eine Aufmerksamkeitsstörung. Wird dieser Hintergrund mitbehandelt, sind die Chancen auf einen dauerhaften Erfolg deutlich höher.

Die ersten Schritte zurück zu einer gesunden Nutzung

  1. Verschaff dir mit einer App zur Bildschirmzeit oder einem einfachen Tagebuch einen ehrlichen Überblick über deine tatsächliche Nutzung.
  2. Leg feste, realistische Zeiten fest, in denen Handy oder Konsole aus bleiben, etwa beim Essen oder vor dem Schlafen.
  3. Deaktiviere Benachrichtigungen, die dich ständig zurückholen, und leg das Gerät bewusst außer Sichtweite.
  4. Plane aktiv Zeit für Sport, Freunde oder ein Hobby ohne Bildschirm ein, statt nur die Onlinezeit zu kürzen.
  5. Nutze eine kostenlose Online-Beratung oder eine Suchtberatungsstelle, wenn die Reduktion allein nicht gelingt.

Wenn dich die Sucht überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, die Sucht- und Drogen-Hotline unter 01806 313031, im Notfall die 112.

Häufige Fragen

Ab wann spricht man bei Internetnutzung von einer Sucht?

Von einer Sucht spricht man erst, wenn jemand die Kontrolle über seine Nutzungszeit verliert, das Onlinesein anderen wichtigen Lebensbereichen dauerhaft vorzieht und trotz spürbarer negativer Folgen nicht aufhören kann. Die reine Nutzungsdauer allein sagt darüber wenig aus.

Ist Computerspielsucht offiziell als Krankheit anerkannt?

Ja, die Weltgesundheitsorganisation hat die Computerspielstörung 2019 beschlossen und seit dem 1. Januar 2022 gilt sie als eigenständige Diagnose in der ICD-11. Betroffene haben damit einen anerkannten Anspruch auf Behandlung.

Wie viele Kriterien müssen für eine Computerspielsucht erfüllt sein?

Für die Diagnose einer Computerspielsucht müssen drei Kernmerkmale zusammenkommen: Kontrollverlust über das Spielen, der Vorrang des Spielens vor anderen Interessen und das Weitermachen trotz spürbarer negativer Folgen. Dieses Muster muss in der Regel über etwa zwölf Monate bestehen, in schweren Fällen kann die Zeitspanne kürzer sein.

Wie unterscheide ich intensives Gaming meines Kindes von einer echten Sucht?

Intensives Spielen wird zur Sucht, wenn mehrere Warnsignale gleichzeitig und über längere Zeit auftreten: Kontrollverlust über die Spielzeit, Reizbarkeit ohne Gerät, Rückzug von Freunden und Vernachlässigung von Schule oder Schlaf. Eine sichere Diagnose stellt am Ende nur eine Fachperson.

Welche Rolle spielen soziale Medien beim Entstehen einer Onlinesucht?

Soziale Medien setzen mit Likes und Benachrichtigungen gezielt auf kleine Belohnungen, die im Gehirn Dopamin ausschütten und zum ständigen Nachschauen verleiten. Laut einer DAK-Studie gelten 6,6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen als von sozialen Medien abhängig.

Was können Eltern tun, ohne alles zu verbieten?

Eltern können bei einer drohenden Onlinesucht mehr erreichen, wenn sie Interesse zeigen statt nur zu kontrollieren, gemeinsam klare Regeln vereinbaren und selbst ein gutes Vorbild sind. Feste bildschirmfreie Zeiten, das Gerät nachts aus dem Kinderzimmer und Absprachen, die zum Alter passen, wirken besser als pauschale Verbote. Wenn Regeln nicht mehr greifen, hilft eine Erziehungs- oder Suchtberatungsstelle.

Muss man bei einer Onlinesucht komplett auf das Internet verzichten?

Bei einer Onlinesucht ist das Ziel meist nicht der völlige Verzicht, sondern ein kontrollierter Umgang, weil sich das Internet im Alltag kaum vollständig meiden lässt. Eine Verhaltenstherapie hilft, die Auslöser des Nutzungsdrangs zu erkennen und die Nutzung wieder zu steuern. Ein zeitweiser Verzicht kann als Zwischenschritt sinnvoll sein, ist aber selten das dauerhafte Ziel.

Wo finde ich kostenlose Hilfe bei einer Onlinesucht?

Kostenlose und anonyme Online-Beratung per Chat oder E-Mail bieten Präventionsportale wie ins-netz-gehen.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Wer eine Beratungsstelle vor Ort sucht, findet sie dort über eine Suche nach Postleitzahl.

Quellen

  1. Anzeichen exzessiver Mediennutzung bei Jugendlichen und wie sie sich von intensiver Nutzung unterscheidet. ins-netz-gehen.de
  2. Fachinformationen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zu Formen und Risiken digitaler Mediennutzung. dhs.de
  3. Einordnung von Sucht als Krankheit des Belohnungssystems und Wege zu professioneller Unterstützung. gesundheitsinformation.de
  4. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Ergebnispapier der Arbeitsgruppe zu problematischem Computerspielen und Gaming Disorder. dhs.de

Verwandte Ratgeber aus Sucht

Weitere Artikel zum selben Themenbereich, die dir hier weiterhelfen können.