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Die Phasen einer Suchtentwicklung

Geprüft von der Redaktion

Die Phasen einer Suchtentwicklung
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Suchtentwicklung verläuft meist in vier Phasen: Genuss- und Probierphase, Gewöhnung, Missbrauch und Abhängigkeit.
  • Der Übergang zwischen den Phasen ist schleichend und wird von Betroffenen selbst oft erst spät bemerkt.
  • Steigende Toleranz, also die Notwendigkeit, immer mehr zu konsumieren, um denselben Effekt zu spüren, ist eines der frühesten Warnzeichen.
  • Missbrauch bedeutet, dass der Konsum bereits negative Folgen hat, auch wenn noch keine körperliche Abhängigkeit besteht.
  • Die neueren Diagnosesysteme ICD-11 und DSM-5 verstehen Sucht als Kontinuum mit Schweregraden statt als starre Ja-Nein-Grenze.
  • Wer die eigenen Warnstufen kennt, kann früher gegensteuern als jemand, der erst bei einer vollen Abhängigkeit hinschaut.

Wie verläuft der Übergang vom Genuss zu einer Abhängigkeit?

Der Übergang verläuft in der Regel über vier Phasen: die Genuss- und Probierphase, die Gewöhnung, den Missbrauch und schließlich die Abhängigkeit. Zwischen den Phasen gibt es keine feste Grenze mit einem bestimmten Datum, der Übergang ist fließend und zieht sich häufig über Monate oder Jahre hin.

Am Anfang steht fast immer ein Konsum, der noch keine Probleme macht: ein Glas Wein zum Essen, eine Zigarette in geselliger Runde, eine Runde am Automaten aus Neugier. Erst wenn sich der Konsum wiederholt, das Gehirn sich daran gewöhnt und Menge oder Häufigkeit zunehmen, verschiebt sich das Verhalten Schritt für Schritt in Richtung Missbrauch und Abhängigkeit.

Nicht jeder, der eine Phase durchläuft, landet automatisch in der nächsten. Viele Menschen bleiben ihr Leben lang in der Genussphase. Das Risiko eines Übergangs steigt aber mit jedem zusätzlichen Faktor: genetische Veranlagung, seelische Belastung und ein Umfeld, das den Konsum begünstigt, wirken dabei zusammen.

1Genuss- und Probierphase2Gewöhnung3Missbrauch4Abhängigkeit
Die Phasen der Suchtentwicklung. Bild: KI generiert.

Was die Genuss- und Probierphase noch unbedenklich macht

In der Genuss- und Probierphase bestimmt die Person selbst, ob, wann und wie viel sie konsumiert, und der Konsum hat keine negativen Folgen für Gesundheit, Beruf oder Beziehungen. Das gilt für ein Glas Sekt auf einer Feier genauso wie für die erste vorsichtige Runde an einem Geldspielautomaten.

Kennzeichnend für diese Phase ist die freie Entscheidung: Die Person könnte jederzeit auch Nein sagen, ohne dass sich das unangenehm anfühlt. Ein klares Anzeichen, dass diese Phase noch nicht verlassen wurde, ist außerdem, dass tage- oder wochenlange Pausen ohne die Substanz oder das Verhalten völlig problemlos möglich sind.

Wie aus wiederholtem Konsum eine Gewöhnung wird

Aus wiederholtem Konsum wird eine Gewöhnung, sobald Körper und Psyche sich an die Substanz oder das Verhalten angepasst haben und eine gleichbleibende Menge nicht mehr denselben Effekt erzielt. Fachleute nennen diesen Effekt Toleranzentwicklung, und er zwingt viele Betroffene dazu, die Menge langsam zu steigern, um das gewohnte Gefühl wieder zu erreichen.

In dieser Phase wird der Konsum regelmäßiger, ohne dass er nach außen auffällt: das tägliche Feierabendbier, die Zigarette direkt nach dem Aufstehen, die abendliche Runde am Bildschirm, die sich kaum noch jemand bewusst vornimmt. Die Person empfindet den Konsum weiterhin als unter Kontrolle, verlässt sich zunehmend aber darauf, dass er zu bestimmten Zeiten stattfindet.

Wann aus Gewöhnung ein Missbrauch wird

Aus Gewöhnung wird ein Missbrauch, sobald der Konsum bereits nachweisbare negative Folgen hat, obwohl noch keine körperliche Abhängigkeit im engeren Sinn besteht. Fachlich spricht man hier von schädlichem Gebrauch. Im internationalen Diagnosesystem ICD-10 trägt dieser Zustand einen eigenen Code und meint ein Konsummuster, das nachweislich zu körperlichem oder seelischem Schaden führt, ohne dass schon die Kriterien einer Abhängigkeit erfüllt sind.

Typische Anzeichen sind Fehlzeiten am Arbeitsplatz nach übermäßigem Konsum, Streit in der Familie über das Verhalten oder gesundheitliche Warnsignale wie erhöhte Leberwerte, die bei einer Untersuchung auffallen. In dieser Phase besteht noch keine körperliche Abhängigkeit, das Risiko, in die nächste Phase überzugehen, ist aber bereits deutlich erhöht.

Woran sich eine beginnende Abhängigkeit von einem Missbrauch unterscheiden lässt

Eine beginnende Abhängigkeit unterscheidet sich von einem Missbrauch dadurch, dass zusätzlich zu den negativen Folgen ein starkes Verlangen, ein Kontrollverlust oder körperliche Entzugserscheinungen hinzukommen. Nach international anerkannten Kriterien gilt eine Abhängigkeit als wahrscheinlich, wenn mindestens drei der folgenden sechs Warnstufen innerhalb eines Jahres gemeinsam aufgetreten sind.

WarnstufeWas sie kennzeichnet
Starkes VerlangenEin kaum zu unterdrückender Wunsch, die Substanz zu konsumieren oder das Verhalten auszuüben
KontrollverlustSchwierigkeiten, Beginn, Menge oder Ende des Konsums selbst zu bestimmen
ToleranzentwicklungImmer größere Mengen sind nötig, um denselben Effekt zu erzielen
EntzugserscheinungenKörperliche oder seelische Beschwerden, wenn der Konsum ausbleibt
VernachlässigungAndere Interessen und Verpflichtungen treten zugunsten des Konsums zurück
Fortsetzung trotz FolgenDer Konsum geht weiter, obwohl die schädlichen Folgen bekannt sind

Treffen mindestens drei dieser sechs Warnstufen gleichzeitig zu, sprechen Fachleute von einem Abhängigkeitssyndrom. Niemand muss aber alle sechs Merkmale gleichzeitig entwickeln, damit fachliche Hilfe sinnvoll ist. Schon einzelne Warnstufen sind ein guter Anlass für ein Beratungsgespräch.

ICD-11 und DSM-5 zählen anders

Die neueren Diagnosesysteme haben die Einteilung verändert und verstehen Sucht heute als Kontinuum statt als starre Grenze. Das seit 2022 gültige internationale Diagnosesystem ICD-11 stützt die Diagnose einer Abhängigkeit auf drei zentrale Merkmale: den Kontrollverlust über den Konsum, die zunehmende Priorität des Konsums vor anderen Lebensbereichen und körperliche Merkmale wie Toleranz und Entzug. Bereits zwei dieser drei Merkmale reichen für die Diagnose aus.

Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 ging einen Schritt weiter und gab die alte Trennung zwischen Missbrauch und Abhängigkeit ganz auf. An ihre Stelle trat eine einzige Substanzkonsumstörung mit elf möglichen Kriterien. Aus der Zahl der zutreffenden Kriterien ergibt sich ein Schweregrad: leicht bei zwei bis drei, mittel bei vier bis fünf, schwer ab sechs Kriterien. Der Grund für diese Zusammenlegung war, dass sich in der Forschung eher ein gleitender Übergang zeigte als zwei klar getrennte Zustände. Für Betroffene bedeutet das eine gute Nachricht: Man muss nicht erst am unteren Ende ankommen, um Hilfe zu verdienen, denn schon ein leichter Schweregrad ist ein anerkannter Behandlungsanlass.

Die Phasen des Alkoholismus nach Jellinek

Speziell für die Alkoholabhängigkeit gibt es ein älteres, bis heute bekanntes Verlaufsmodell des Forschers Elvin Morton Jellinek aus den frühen 1950er Jahren. Jellinek wertete für die Weltgesundheitsorganisation tausende Fallgeschichten aus und beschrieb vier aufeinanderfolgende Phasen.

In der ersten, der symptomatischen Phase, dient Alkohol vor allem der Entlastung von Anspannung. In der zweiten, der Prodromalphase, wird das Trinken heimlicher, und es treten erste Erinnerungslücken auf. In der dritten, der kritischen Phase, verliert die Person die Kontrolle über den Beginn des Trinkens. In der vierten, der chronischen Phase, treten schwere körperliche Folgeschäden hinzu. Wie bei den vier allgemeinen Phasen gehen auch diese Stufen fließend ineinander über. Das Modell ist nicht mehr die Grundlage der heutigen Diagnostik, hilft aber vielen Betroffenen dabei, den eigenen Verlauf einzuordnen.

Die ersten Schritte, wenn du eine Warnstufe bei dir erkennst

  1. Schreibe für zwei Wochen auf, wann, wie oft und in welcher Menge du konsumierst, ohne dir dabei ein Urteil zu machen.
  2. Vergleiche deine Notizen mit den sechs Warnstufen aus der Tabelle oben und zähle, wie viele davon zutreffen.
  3. Sprich mit einer Person, der du vertraust, offen über das, was du bei dir beobachtet hast.
  4. Vereinbare ein Erstgespräch bei einer Suchtberatungsstelle, auch wenn du dir noch unsicher bist, ob es schon so weit ist.
  5. Plane bewusste konsumfreie Tage ein und beobachte, wie leicht oder schwer dir das fällt.

Wenn dich die Sucht überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, die Sucht- und Drogen-Hotline unter 01806 313031, im Notfall die 112.

Häufige Fragen

Ab wann spricht man von einer Abhängigkeit statt von einer Gewöhnung?

Von einer Abhängigkeit statt einer bloßen Gewöhnung spricht man, wenn mindestens drei der sechs Warnstufen wie starkes Verlangen, Kontrollverlust oder Entzugserscheinungen innerhalb eines Jahres gemeinsam auftreten. Eine reine Gewöhnung zeigt dagegen höchstens einzelne dieser Merkmale.

Kann man von der Gewöhnungsphase direkt in eine Abhängigkeit wechseln, ohne die Missbrauchsphase zu durchlaufen?

In der Praxis überschneiden sich Gewöhnung, Missbrauch und Abhängigkeit häufig, sodass der Übergang selten in klar getrennten Schritten verläuft. Bei stark wirksamen Substanzen oder sehr hohem Konsum kann sich eine Abhängigkeit zudem deutlich schneller entwickeln als bei anderen.

Wie lange dauert es normalerweise, bis aus Gewöhnung eine Abhängigkeit wird?

Wie lange der Übergang von der Gewöhnung zur Abhängigkeit dauert, hängt stark von der Substanz, der konsumierten Menge und den persönlichen Risikofaktoren ab und reicht von wenigen Monaten bis zu mehreren Jahrzehnten. Eine feste Zeitspanne gibt es deshalb nicht.

Merken Betroffene selbst, wenn sie von einer Phase in die nächste wechseln?

Die meisten Betroffenen merken den Übergang zwischen den Phasen nicht in dem Moment, in dem er passiert, weil sich der Konsum nur schrittweise verändert und zur Gewohnheit wird. Rückblickend oder durch Hinweise von Angehörigen fällt der Wechsel dagegen oft auf.

Was hat sich mit dem ICD-11 und dem DSM-5 an der Einteilung geändert?

Mit dem ICD-11 und dem DSM-5 wird Sucht als Kontinuum mit Schweregraden verstanden statt als starre Ja-Nein-Grenze. Das DSM-5 fasst die frühere Trennung zwischen Missbrauch und Abhängigkeit zu einer einzigen Substanzkonsumstörung zusammen, deren Schweregrad sich aus der Zahl der erfüllten Kriterien ergibt.

Gelten die vier Phasen auch für Verhaltenssüchte wie Glücksspiel oder Computerspiele?

Ja, auch bei Verhaltenssüchten wie Glücksspiel oder exzessivem Computerspielen lässt sich ein ähnlicher Verlauf von Probieren über Gewöhnung bis zur Abhängigkeit beobachten, auch wenn dabei keine Substanz in den Körper gelangt.

Quellen

  1. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Konsumformen von Alkohol und der schleichende Übergang von Gewöhnung zu Missbrauch und Abhängigkeit. dhs.de
  2. Neurologen und Psychiater im Netz: Krankheitsbild von Suchterkrankungen, Toleranzentwicklung und Abhängigkeitskriterien. neurologen-und-psychiater-im-netz.org
  3. Gesundheitsinformation.de: Erfahrungsbericht über den schleichenden Übergang von Alkoholkonsum zu Abhängigkeit. gesundheitsinformation.de
  4. MSD Manual: Substanzgebrauchsstörungen und Diagnosekriterien nach DSM-5. msdmanuals.com

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