Kinder und Jugendliche in der Krise: Hilfe für junge Menschen und Eltern
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Wenn es einem Kind oder Jugendlichen schlecht geht, ist niemand damit allein. Es gibt kostenlose, oft anonyme Beratung für junge Menschen und für Eltern.
- Junge Menschen erreichen die Nummer gegen Kummer unter 116 111, Eltern das Elterntelefon unter 0800 111 0 550. Beide Gespräche sind kostenlos und anonym.
- Eine seelische Krise ist ein Zeichen von Not, nicht von Schwäche oder Versagen. Not lässt sich behandeln, und darüber zu sprechen erhöht die Gefahr nicht, sondern senkt sie.
- Für Fragen rund um Erziehung, Familie und Entwicklung ist die Erziehungsberatungsstelle vor Ort da, kostenlos und für alle Eltern offen.
- Das Jugendamt ist zuerst eine Beratungsstelle. Es hilft mit passenden Angeboten, bevor es um weitergehende Maßnahmen geht.
- Bei akuter Lebensgefahr wählst du sofort die 112. Rund um die Uhr erreichbar ist außerdem die TelefonSeelsorge unter 116 123.
Wo bekommen junge Menschen und Eltern in einer Krise Hilfe?
Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher in einer Krise steckt, gibt es in Deutschland ein dichtes Netz aus kostenlosen Anlaufstellen: die Nummer gegen Kummer für junge Menschen und für Eltern, die Erziehungs- und Familienberatungsstellen in fast jeder Stadt, die Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, spezialisierte Angebote bei seelischer Not und das Jugendamt als Lotse zu weitergehenden Hilfen. Der erste Schritt ist immer der gleiche und oft der schwerste: sich jemandem anvertrauen. Ob als betroffener junger Mensch oder als besorgter Elternteil, du musst die Lösung nicht kennen, um anzurufen. Du musst nur den Anfang machen.
Krisen im Kindes- und Jugendalter sehen sehr unterschiedlich aus. Manche zeigen sich laut, andere ganz still. Diese Seite gibt dir einen Überblick, welche Formen es gibt, wer dabei hilft und wie du den passenden Weg findest. Die einzelnen Themen, von seelischer Not über Mediennutzung bis zu den Hilfen des Jugendamts, sind jeweils ausführlich in eigenen Ratgebern beschrieben.
Was als Krise bei Kindern und Jugendlichen gilt
Eine Krise ist nicht erst dann eine Krise, wenn etwas Dramatisches passiert ist. Sie beginnt oft schleichend, mit einer Veränderung, die über Wochen anhält und nicht von allein weggeht. Nach der COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gilt in Deutschland fast jeder vierte junge Mensch als psychisch auffällig, jeder Vierte berichtet von Angstsymptomen, jeder Sechste bis Siebte von Anzeichen einer Depression. Das zeigt: Wer sich Sorgen macht, ist mit dieser Sorge nicht selten, sondern in guter Gesellschaft.
Zu den häufigen Belastungen gehören anhaltende Traurigkeit und Rückzug, große Ängste, Streit und Gewalt in der Familie, Mobbing, Schulprobleme, ein problematischer Umgang mit Handy und Spielen, erste Erfahrungen mit Alkohol oder anderen Substanzen, Selbstverletzung und Gedanken, nicht mehr leben zu wollen. Auch von außen kommende Einschnitte wie eine Trennung der Eltern, eine schwere Erkrankung in der Familie, Flucht oder ein Todesfall können ein Kind aus dem Gleichgewicht bringen. All das ist behandelbar oder zumindest begleitbar. Wichtig ist, es nicht allein auszusitzen.
Warum Ansprechen hilft und nicht schadet
Viele Eltern und auch Freundinnen und Freunde zögern, weil sie fürchten, mit einer direkten Frage etwas kaputtzumachen. Das Gegenteil ist der Fall. Eine ruhige, ehrliche Frage wie "Mir ist aufgefallen, dass es dir gerade nicht gut geht, magst du mir erzählen, was los ist?" signalisiert: Ich sehe dich, und ich halte das aus. Fachleute sind sich einig, dass das offene Ansprechen von seelischer Not, von Selbstverletzung und sogar von Suizidgedanken das Risiko nicht erhöht. Es nimmt Druck heraus und öffnet eine Tür.
Für einen jungen Menschen ist es entlastend zu merken, dass ein Erwachsener nicht sofort in Panik gerät, nicht schimpft und nicht sofort etwas reparieren will, sondern zuhört. Genau das ist die Aufgabe, die niemand delegieren muss und jeder übernehmen kann. Die fachliche Einordnung, die Diagnose und die Behandlung kommen danach, und dafür gibt es die Stellen, die weiter unten beschrieben sind.
Der Weg von der Sorge zur passenden Hilfe
Der Weg aus einer Krise beginnt selten mit einer großen Entscheidung. Er beginnt damit, dass jemand hinschaut und den ersten kleinen Schritt tut. Danach folgt Beratung, dann die passende Hilfe, und dann das Wichtigste überhaupt: dranbleiben, auch wenn es Rückschläge gibt.
Kein Schritt muss perfekt sein, und keiner ist unumkehrbar. Es ist völlig in Ordnung, zuerst nur anonym anzurufen, um zu sortieren, was überhaupt los ist. Beratung bedeutet nicht, dass sofort ein großer Apparat anläuft. In den allermeisten Fällen bleibt alles im vertraulichen Rahmen, und ihr entscheidet gemeinsam, was der nächste Schritt ist.
Die wichtigsten Anlaufstellen im Überblick
Welche Stelle die richtige ist, hängt davon ab, wer Hilfe sucht und worum es geht. Die folgende Übersicht ordnet die kostenlosen Angebote danach, für wen sie gedacht sind und was sie leisten.
| Für wen | Anlaufstelle | So erreichbar |
|---|---|---|
| Kinder und Jugendliche | Nummer gegen Kummer, Kinder- und Jugendtelefon | 116 111, kostenlos und anonym, Mo bis Sa 14 bis 20 Uhr |
| Eltern und Bezugspersonen | Nummer gegen Kummer, Elterntelefon | 0800 111 0 550, kostenlos und anonym, Mo bis Fr 9 bis 17 Uhr, Di und Do bis 19 Uhr |
| Junge Menschen und Eltern | bke-Onlineberatung | Textberatung im Internet, anonym und kostenlos, für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren |
| Junge Menschen mit Suizidgedanken | [U25] Mailberatung und JugendNotmail | anonyme Online-Beratung von geschulten jungen Menschen |
| Familien allgemein | Erziehungsberatungsstelle vor Ort | persönliche Beratung, kostenlos, ohne Antrag |
| Alle, rund um die Uhr | TelefonSeelsorge | 116 123, kostenlos und anonym, Tag und Nacht |
Was die Erziehungsberatung leistet
Die Erziehungsberatungsstelle ist die vielleicht am meisten unterschätzte Hilfe. Sie ist für alle Eltern da, kostenlos, ohne Antrag und ohne dass du dich rechtfertigen musst. Beraten wird bei Streit in der Familie, bei Sorgen um die Entwicklung eines Kindes, bei Trennung und Scheidung, bei Schulproblemen und bei seelischen Belastungen. Es arbeiten dort Psychologinnen, Sozialpädagogen und Familientherapeuten. Rechtlich gehört die Erziehungsberatung nach Paragraf 28 SGB VIII zu den Hilfen zur Erziehung, in der Praxis ist sie aber ein niedrigschwelliges Angebot, das du einfach anrufen kannst.
Ein wichtiger Punkt für Jugendliche: Nach Paragraf 8 SGB VIII haben Kinder und Jugendliche das Recht, sich auch ohne Wissen der Eltern beraten zu lassen, wenn es die Notlage erfordert. Ein junger Mensch, der sich nicht an die eigene Familie wenden kann, ist also nicht ohne Ansprechpartner.
Welche Rolle das Jugendamt spielt
Viele Familien verbinden mit dem Jugendamt zuerst Angst, die Angst, dass ein Kind weggenommen wird. In der Realität ist das die absolute Ausnahme. Das Jugendamt ist in erster Linie ein Dienstleister, der Familien in schwierigen Zeiten unterstützt. Es berät, es vermittelt passende Hilfen und es hilft dabei, dass eine Familie wieder Boden unter die Füße bekommt. Erst wenn ein Kind ernsthaft gefährdet ist und andere Wege nicht ausreichen, greifen weitergehende Maßnahmen, und auch dann steht das Wohl des Kindes im Mittelpunkt, nicht die Bestrafung der Eltern.
Von der ambulanten Familienhilfe, die zu euch nach Hause kommt, über die Tagesgruppe bis zur Unterbringung in einer Pflegefamilie oder Wohngruppe reicht das Spektrum der sogenannten Hilfen zur Erziehung. Welche Hilfe passt, wird gemeinsam mit der Familie in einem Hilfeplan besprochen. Niemand entscheidet über euren Kopf hinweg.
So gehst du vor
- Nimm eine anhaltende Veränderung ernst, statt zu hoffen, dass sie von allein vergeht.
- Such das ruhige Gespräch mit dem Kind oder Jugendlichen, ohne Vorwürfe und ohne sofortige Lösungen.
- Ruf zur ersten Orientierung anonym die Nummer gegen Kummer an, als junger Mensch die 116 111, als Elternteil die 0800 111 0 550.
- Wende dich für ein persönliches Gespräch an die Erziehungsberatungsstelle in deiner Nähe.
- Bei Verdacht auf eine seelische Erkrankung geht der Weg zur Kinder- und Jugendpsychiatrie oder zu einer psychotherapeutischen Praxis, oft über die Kinderärztin.
- Bleib dran und hol dir selbst Unterstützung, wenn du als Bezugsperson an deine Grenzen kommst.
Wenn ein Kind oder Jugendlicher in akuter Lebensgefahr ist oder von Suizid spricht, wähle sofort die 112. Rund um die Uhr für dich da sind die TelefonSeelsorge unter 116 123 und, in ihren Zeiten, die Nummer gegen Kummer für junge Menschen unter 116 111 und das Elterntelefon unter 0800 111 0 550. Über Suizidgedanken zu sprechen erhöht die Gefahr nicht, es kann Leben retten.
Häufige Fragen
An wen können sich Jugendliche wenden, wenn sie mit niemandem in der Familie reden können?
Jugendliche können sich anonym und kostenlos an die Nummer gegen Kummer unter 116 111 wenden, an die bke-Onlineberatung im Internet oder an die Erziehungsberatungsstelle vor Ort. Nach Paragraf 8 SGB VIII haben junge Menschen das Recht, sich auch ohne Wissen der Eltern beraten zu lassen, wenn ihre Notlage das erfordert. Niemand ist also darauf angewiesen, zuerst die eigene Familie einzuweihen.
Ist die Nummer gegen Kummer wirklich kostenlos und anonym?
Ja, die Nummer gegen Kummer ist kostenlos und anonym. Der Anruf beim Kinder- und Jugendtelefon unter 116 111 und beim Elterntelefon unter 0800 111 0 550 taucht nicht auf der Rechnung auf, und niemand muss seinen Namen nennen. Beraten wird über alles, was belastet, von Liebeskummer bis zu ernsten Krisen.
Nimmt das Jugendamt einem die Kinder weg, wenn man dort um Hilfe bittet?
Nein, das Jugendamt nimmt Familien nicht die Kinder weg, weil sie um Hilfe bitten. Das Jugendamt ist vor allem eine Beratungs- und Unterstützungsstelle und bietet Hilfen an, die eine Familie stärken. Ein Kind aus der Familie zu nehmen, ist die seltene Ausnahme und nur bei ernster Gefährdung möglich, wenn keine andere Lösung ausreicht.
Woran erkenne ich, dass mein Kind mehr als nur eine schlechte Phase hat?
Ein Warnsignal ist, wenn eine Veränderung länger als zwei bis drei Wochen anhält und mehrere Lebensbereiche betrifft, etwa Schlaf, Appetit, Schule und Kontakte. Auch starker Rückzug, ständige Gereiztheit, Selbstverletzung oder Äußerungen über den Wunsch, nicht mehr zu leben, sind ein Grund, Hilfe zu holen. Im Zweifel hilft ein Anruf bei der Nummer gegen Kummer oder ein Gespräch in der Erziehungsberatung, um die Lage einzuschätzen.
Kostet die Hilfe des Jugendamts oder der Beratung etwas?
Die Beratung durch Erziehungsberatungsstellen, die Nummer gegen Kummer und die bke-Onlineberatung ist kostenlos. Auch die Hilfen zur Erziehung durch das Jugendamt sind für Familien in der Regel beitragsfrei oder werden einkommensabhängig geregelt. Kosten dürfen kein Grund sein, auf Unterstützung zu verzichten.
Was kann ich als Freund oder Freundin tun, wenn es jemandem schlecht geht?
Du kannst da sein, zuhören und die Person ernst nehmen, ohne selbst die Verantwortung für die Lösung zu tragen. Ermutige sie, sich Hilfe zu holen, zum Beispiel bei der Nummer gegen Kummer unter 116 111, und biete an, sie dabei zu begleiten. Wenn du dir große Sorgen machst, hol selbst einen Erwachsenen dazu, denn ein Geheimnis über Lebensgefahr musst du nicht allein tragen.
Quellen
- Nummer gegen Kummer e.V., Beratungsangebote für Kinder, Jugendliche und Eltern nummergegenkummer.de
- Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, COPSY-Studie zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen uke.de
- Sozialgesetzbuch Achtes Buch (SGB VIII), Paragraf 27 Hilfe zur Erziehung gesetze-im-internet.de
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