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Selbstverletzung bei Jugendlichen

Geprüft von der Redaktion

Selbstverletzung bei Jugendlichen
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Selbstverletzung ist ein Zeichen tiefer seelischer Not und ein Versuch, unerträgliche Gefühle auszuhalten. Sie ist behandelbar.
  • Sie ist meist kein Suizidversuch und selten reine Provokation. Sie ernst zu nehmen und nicht zu bewerten, ist der wichtigste erste Schritt.
  • Selbstverletzendes Verhalten ist im Jugendalter verbreiteter, als viele denken. Studien zufolge hat sich ein erheblicher Teil der Jugendlichen mindestens einmal selbst verletzt.
  • Reagiere ruhig, ohne Wut, Strafe oder Schuldzuweisung. Druck und Verbote verstärken die Not meist, statt sie zu lösen.
  • Fachliche Hilfe gibt es bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in psychotherapeutischen Praxen und über die Nummer gegen Kummer unter 116 111, für Eltern unter 0800 111 0 550.
  • Bei akuter Gefahr oder schweren Verletzungen wähle sofort die 112. Rund um die Uhr erreichbar ist die TelefonSeelsorge unter 116 123.

Was Selbstverletzung bei Jugendlichen bedeutet

Selbstverletzung bei Jugendlichen ist ein Zeichen dafür, dass ein junger Mensch mit seinen Gefühlen allein nicht mehr zurechtkommt, und der Versuch, mit einer inneren Überflutung fertigzuwerden. Fachlich spricht man von nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten, weil es in den allermeisten Fällen nicht darum geht, das Leben zu beenden, sondern darum, einen unerträglichen seelischen Zustand für einen Moment auszuhalten. Das klingt widersprüchlich, ergibt aber Sinn: Der körperliche Schmerz lenkt kurz vom seelischen ab, oder er durchbricht ein quälendes Gefühl von Leere und Taubheit. Das Verhalten löst das eigentliche Problem nicht, es verschafft nur eine kurze Entlastung, und danach kommen oft Scham und Schuld.

Wichtig zu verstehen: Selbstverletzung ist kein Modetrend und fast nie bloße Provokation oder ein Wunsch nach Aufmerksamkeit, auch wenn es von außen manchmal so wirkt. Wer sich selbst verletzt, leidet. Genau deshalb verdient dieses Verhalten eine ernsthafte, ruhige Reaktion und keine Abwertung.

Wie verbreitet Selbstverletzung ist

Selbstverletzung ist im Jugendalter verbreiteter, als die meisten Erwachsenen vermuten. Untersuchungen aus westlichen Ländern zeigen, dass sich ein erheblicher Teil der Jugendlichen mindestens einmal selbst verletzt hat, Mädchen dabei häufiger als Jungen. Das bedeutet nicht, dass jede Selbstverletzung harmlos ist, sondern dass sie ein häufiges Warnsignal für seelische Belastung in dieser Lebensphase ist. Für Eltern kann diese Zahl entlasten: Es ist nicht ihr persönliches Versagen, und ihr Kind ist nicht "verloren". Es braucht Hilfe, und die gibt es.

Häufig steht die Selbstverletzung nicht allein. Sie kann mit einer Depression, mit Angst, mit belastenden Erfahrungen oder mit großem Stress in Familie, Schule oder Freundeskreis zusammenhängen. Deshalb geht es in der Hilfe nie nur um das Verhalten selbst, sondern immer um das, was dahintersteckt.

Woran Eltern Selbstverletzung erkennen können

Selbstverletzung wird oft versteckt, aus Scham und aus Angst vor Reaktionen. Es gibt aber Hinweise, die aufmerksam machen können, ohne dass sie einen Beweis darstellen. Diese Übersicht soll dir helfen, hinzuschauen, nicht, dein Kind zu kontrollieren.

BereichMögliche Hinweise
Körperunerklärte Verletzungen, das Verbergen von Armen und Beinen auch bei Wärme, häufige Ausreden für Wunden
Verhaltenstarker Rückzug, langes Einschließen im Bad oder Zimmer, plötzliche Reizbarkeit oder Verschlossenheit
Gefühlslageanhaltende Traurigkeit, Selbstabwertung, Gefühle von Leere, Überforderung oder starker Anspannung
UmfeldBelastungen wie Mobbing, Leistungsdruck, Konflikte in der Familie oder eine schwere Enttäuschung

Keiner dieser Punkte ist für sich ein Beweis. Aber wenn sich mehrere Hinweise verdichten, ist das ein Anlass, ruhig das Gespräch zu suchen, statt heimlich zu forschen.

Wie du reagierst, ohne die Not zu verstärken

Die erste Reaktion prägt, ob sich ein junger Mensch öffnet oder weiter verschließt. Bleib deshalb so ruhig, wie es dir möglich ist, auch wenn dich der Anblick erschreckt und ohnmächtig macht. Wut, Strafe, Verbote oder Sätze wie "Hör sofort damit auf" verstärken die Scham und den Druck, der die Selbstverletzung oft erst antreibt. Sinnvoller ist, Interesse und Sorge zu zeigen: "Ich habe das gesehen, und ich mache mir Sorgen um dich. Ich bin nicht wütend, ich möchte verstehen, wie es dir geht."

Vermeide es, ein Versprechen zu erzwingen, dass es "nie wieder" passiert. Solche Versprechen halten unter Druck selten und erzeugen nur neue Schuldgefühle. Geht es stattdessen darum, gemeinsam den Weg zu fachlicher Hilfe zu finden, nimmst du deinem Kind die Last, die Not allein bewältigen zu müssen. Und such dir selbst Unterstützung, denn diese Situation auszuhalten ist schwer, und du musst das nicht allein tragen.

Warum offen darüber zu sprechen hilft

Viele Eltern fürchten, durch Nachfragen erst recht etwas auszulösen. Diese Sorge ist verständlich, aber das Gegenteil ist der Fall. Das ruhige, offene Ansprechen von Selbstverletzung und auch von Suizidgedanken erhöht die Gefahr nicht. Es entlastet, weil ein Thema, das mit viel Scham besetzt ist, endlich ausgesprochen werden darf. Ein junger Mensch, der merkt, dass er über seine Not reden kann, ohne verurteilt zu werden, muss sie weniger allein und weniger körperlich austragen.

Frag deshalb auch direkt, ob es Momente gibt, in denen dein Kind nicht mehr leben möchte. Selbstverletzung ist meist kein Suizidversuch, aber beides kann nebeneinander vorkommen, und Klarheit hilft, die richtige Hilfe zu holen.

Welche Hilfe wirkt

Selbstverletzung ist behandelbar, und der Weg dorthin ist klar. Er beginnt mit einem ruhigen ersten Schritt und führt zu fachlicher Begleitung, die an den Ursachen ansetzt.

1Ruhig bleiben und nicht bewerten2Das Gespräch suchen3Fachliche Hilfe holen4Geduldig begleiten
Vier Schritte im Umgang mit Selbstverletzung bei einem Jugendlichen. Bild: KI generiert.

Fachliche Hilfe finden Familien in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen und Ambulanzen sowie in der Psychotherapie. Dort lernen junge Menschen, belastende Gefühle anders auszuhalten und andere Wege der Bewältigung zu finden. Für einen niedrigschwelligen ersten Schritt ist die Nummer gegen Kummer da, für junge Menschen unter 116 111 und für Eltern unter 0800 111 0 550. Die Erziehungsberatungsstelle vor Ort berät ebenfalls kostenlos, und die bke-Onlineberatung bietet anonyme Textberatung im Internet. Junge Menschen mit Suizidgedanken finden bei der [U25] Mailberatung Ansprechpartner in ihrem Alter.

Wenn Freundinnen und Freunde es bemerken

Oft sind es nicht die Eltern, sondern Gleichaltrige, die zuerst merken, dass sich jemand selbst verletzt. Wenn du das bei einer Freundin oder einem Freund bemerkst, bist du nicht dafür verantwortlich, das Problem zu lösen, und du musst es auch nicht allein tragen. Zeig, dass du da bist und die Person magst, ohne zu urteilen, und ermutige sie, sich Hilfe zu holen. Ein Satz wie "Ich habe das gesehen und mache mir Sorgen, du bist mir wichtig" hilft mehr als jeder gut gemeinte Ratschlag.

Ein Versprechen, es für dich zu behalten, solltest du nicht geben, wenn es um Gefahr fürs Leben geht. Das ist kein Verrat, sondern Fürsorge. Hol eine erwachsene Vertrauensperson dazu, etwa Eltern, eine Lehrkraft, die Schulsozialarbeit oder die Schulpsychologin, oder ruft gemeinsam die Nummer gegen Kummer unter 116 111 an. Achte dabei auch auf dich selbst, denn die Sorge um einen anderen Menschen kann schwer wiegen, und auch du darfst dir Unterstützung holen.

So gehst du vor

  1. Bleib ruhig und reagiere mit Sorge statt mit Wut, Strafe oder Verboten.
  2. Such einen ungestörten Moment und sprich offen an, was du beobachtet hast.
  3. Frag behutsam nach, wie es deinem Kind geht, und auch, ob es Suizidgedanken gibt.
  4. Hol fachliche Hilfe, etwa in der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder über die Kinderärztin.
  5. Nutze für Orientierung die Nummer gegen Kummer, 116 111 für junge Menschen, 0800 111 0 550 für Eltern.
  6. Sorge auch für dich selbst und teile die Verantwortung mit Fachleuten.

Bei einer schweren Verletzung oder akuter Lebensgefahr wähle sofort die 112. Wenn ein junger Mensch von Suizid spricht, nimm es ernst und lass ihn nicht allein. Rund um die Uhr für dich da ist die TelefonSeelsorge unter 116 123. Junge Menschen erreichen die Nummer gegen Kummer unter 116 111, Eltern das Elterntelefon unter 0800 111 0 550. Über diese Not zu sprechen erhöht die Gefahr nicht.

Häufige Fragen

Ist Selbstverletzung bei Jugendlichen ein Suizidversuch?

Nein, Selbstverletzung bei Jugendlichen ist in den allermeisten Fällen kein Suizidversuch. Sie ist ein Versuch, mit unerträglichen Gefühlen umzugehen und einen seelischen Zustand für einen Moment auszuhalten. Beides kann aber nebeneinander vorkommen, deshalb ist es wichtig, ruhig auch nach Suizidgedanken zu fragen und fachliche Hilfe zu holen.

Macht mein Kind das nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

Nein, Selbstverletzung ist fast nie bloße Provokation oder ein reiner Wunsch nach Aufmerksamkeit. Wer sich selbst verletzt, leidet unter starker seelischer Not. Das Verhalten sollte deshalb nicht als Trend oder Masche abgetan, sondern ernst genommen werden, denn es ist ein Hilferuf.

Wie soll ich als Elternteil auf die Verletzungen reagieren?

Reagiere ruhig und mit Sorge statt mit Wut, Strafe oder Schuldzuweisung. Zeig, dass du helfen willst, statt ein sofortiges Ende zu verlangen oder Versprechen zu erzwingen. Such gemeinsam den Weg zu fachlicher Hilfe, etwa in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, und hol dir auch selbst Unterstützung, zum Beispiel über das Elterntelefon 0800 111 0 550.

Darf ich mein Kind direkt auf die Selbstverletzung ansprechen?

Ja, du darfst und solltest die Selbstverletzung ruhig und offen ansprechen. Das offene Reden darüber erhöht die Gefahr nicht, sondern nimmt Druck aus einem stark schambesetzten Thema. Wichtig ist, nicht heimlich zu forschen, sondern Interesse und Sorge zu zeigen und zuzuhören.

Wo finde ich professionelle Hilfe bei Selbstverletzung?

Professionelle Hilfe bei Selbstverletzung findest du in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen und Ambulanzen und in der Psychotherapie, oft mit dem Weg über die Kinderärztin. Für einen ersten Schritt und zur Orientierung ist die Nummer gegen Kummer da, 116 111 für junge Menschen und 0800 111 0 550 für Eltern. Auch die Erziehungsberatung vor Ort berät kostenlos.

Kann Selbstverletzung wieder aufhören?

Ja, Selbstverletzung kann aufhören, denn sie ist ein behandelbares Symptom seelischer Not. In der Therapie lernen junge Menschen, belastende Gefühle anders auszuhalten und neue Wege der Bewältigung zu finden. Geduld gehört dazu, Rückschläge sind normal und kein Zeichen, dass die Hilfe nicht wirkt.

Quellen

  1. Berufsverbände und Fachgesellschaften für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Informationen zu selbstverletzendem Verhalten neurologen-und-psychiater-im-netz.org
  2. Nummer gegen Kummer e.V., Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern nummergegenkummer.de
  3. [U25] Online-Suizidprävention für junge Menschen u25-deutschland.de

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