Binge-Eating-Störung
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Die Binge-Eating-Störung ist eine ernste seelische Erkrankung mit wiederkehrenden Essanfällen. Sie ist die häufigste Essstörung überhaupt.
- Anders als bei der Bulimie folgen auf die Essanfälle keine regelmäßigen Gegenmaßnahmen wie Erbrechen oder Fasten.
- Die Essanfälle sind ein Versuch, mit belastenden Gefühlen umzugehen. Sie sind kein Zeichen von fehlender Disziplin.
- Viele Betroffene leiden zusätzlich unter starkem Übergewicht, aber nicht jeder mit Übergewicht hat eine Binge-Eating-Störung.
- Der wichtigste Behandlungsweg ist die Psychotherapie. Sie setzt an den Essanfällen und den Gefühlen dahinter an, nicht allein am Gewicht.
- Kostenlose Beratung gibt es beim Beratungstelefon Essstörungen der BZgA unter 0221 892031 und bei Fachstellen wie ANAD.
Was ist die Binge-Eating-Störung?
Die Binge-Eating-Störung ist eine seelische Erkrankung, die von wiederkehrenden Essanfällen geprägt ist. Bei einem Essanfall isst ein Mensch in kurzer Zeit eine große Menge und erlebt dabei das Gefühl, die Kontrolle über das Essen zu verlieren. Das Essen geschieht oft schneller als sonst, über das Sättigungsgefühl hinaus und häufig allein, aus Scham. Nach dem Essanfall bleiben Schuldgefühle, Ekel und Niedergeschlagenheit zurück.
Der entscheidende Unterschied zur Bulimie: Auf die Essanfälle folgen keine regelmäßigen Gegenmaßnahmen. Die Betroffenen versuchen also nicht regelmäßig, das Gegessene durch Erbrechen, Fasten oder übermäßigen Sport wieder loszuwerden. Das ist der Grund, warum die Erkrankung häufig mit einer Gewichtszunahme einhergeht, sie aber nicht muss.
Die Binge-Eating-Störung ist die häufigste Essstörung und betrifft Frauen und Männer fast gleichermaßen. Lange wurde sie kaum beachtet, gilt heute aber als eigenständige, anerkannte Erkrankung. Der wichtigste Satz zuerst: Sie ist gut behandelbar. Mit einer Psychotherapie lernen viele Betroffene, die Essanfälle zu verstehen und aus dem Muster herauszufinden.
Woran du eine Binge-Eating-Störung erkennst
Gelegentlich zu viel zu essen kennt fast jeder, und das ist noch keine Erkrankung. Von einer Binge-Eating-Störung spricht man, wenn die Essanfälle regelmäßig auftreten, mit einem echten Kontrollverlust einhergehen und großes Leiden verursachen. Die folgenden Anzeichen sind Hinweise, keine Diagnose. Wenn mehrere davon über längere Zeit zutreffen, ist das ein guter Grund, mit einer Fachperson zu sprechen.
- Es kommt wiederholt zu Essanfällen mit dem Gefühl, nicht mehr aufhören zu können.
- Beim Essanfall wird schneller und mehr gegessen, als sich gut anfühlt, oft über die Sättigung hinaus.
- Die Essanfälle passieren meist heimlich und allein, aus Scham vor anderen.
- Nach dem Essen bleiben starke Schuldgefühle, Ekel oder Niedergeschlagenheit zurück.
- Das Essen dient oft dazu, Stress, Leere oder belastende Gefühle für einen Moment zu betäuben.
- Das Kreisen um Essen und der Frust darüber belasten den Alltag und das Selbstwertgefühl.
Warum die Essanfälle kein Zeichen von Willensschwäche sind
Die Essanfälle bei einer Binge-Eating-Störung sind fast immer ein Versuch, mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Stress, Einsamkeit, Langeweile, Frust oder Traurigkeit lösen den Drang aus, und das Essen betäubt diese Gefühle für einen kurzen Moment. Genau darin liegt die Falle: Die kurze Erleichterung wird schnell von Scham und Schuld abgelöst, und diese neuen belastenden Gefühle können den nächsten Essanfall anstoßen. So entsteht ein Kreislauf, der sich selbst am Leben hält.
Deshalb hilft es nicht weiter, sich mehr Disziplin vorzunehmen. Das Problem sitzt nicht im Willen, sondern im Umgang mit Gefühlen und in einem Muster, das sich über Zeit verfestigt hat. Wer das versteht, kann sich selbst mit weniger Härte begegnen. Eine Behandlung setzt an diesem Kreislauf an und sucht andere Wege, mit Belastung umzugehen, damit das Essen diese Rolle nicht mehr übernehmen muss.
Der Zusammenhang mit Übergewicht
Viele Menschen mit einer Binge-Eating-Störung haben zugleich ein starkes Übergewicht, und die Erkrankung kann eine Gewichtszunahme mit anschieben. Trotzdem sind beides nicht dasselbe. Nicht jeder Mensch mit Übergewicht hat eine Binge-Eating-Störung, und nicht jeder mit einer Binge-Eating-Störung ist übergewichtig. Es ist wichtig, das auseinanderzuhalten, weil die Behandlung sonst am falschen Ende ansetzt.
Eine reine Diät ist bei einer Binge-Eating-Störung meist nicht der richtige Weg und kann die Essanfälle sogar verstärken, weil der Verzicht neuen Druck aufbaut. Im Mittelpunkt steht deshalb zuerst, die Essanfälle und die Gefühle dahinter in den Griff zu bekommen. Wenn dann noch ein Übergewicht behandelt werden soll, geschieht das in einem zweiten Schritt und mit fachlicher Begleitung.
Diese Reihenfolge zu kennen entlastet viele Betroffene. Wer über Jahre mit Diäten und Selbstvorwürfen gekämpft hat, hört selten, dass gerade der Verzicht ein Teil des Problems sein kann. Der Druck darf raus, bevor sich das Essen ändern kann. Das ist keine Ausrede, sondern der Weg, der bei einer Binge-Eating-Störung tatsächlich trägt. Und es ist ein Grund, sich selbst mit mehr Nachsicht zu begegnen, denn der Kampf war nie eine Frage von zu wenig Willen.
Wie die Binge-Eating-Störung behandelt wird
Der wichtigste Behandlungsweg ist die Psychotherapie. Am besten belegt ist die kognitive Verhaltenstherapie. Sie hilft, die Auslöser der Essanfälle zu erkennen, den Kreislauf aus Belastung, Essanfall und Scham zu unterbrechen und einen neuen Umgang mit Gefühlen zu finden. Ein regelmäßiges, verlässliches Essverhalten aufzubauen ist ein wichtiger Teil davon, weil lange Essenspausen Heißhunger fördern.
Die meisten Menschen werden ambulant behandelt, also in regelmäßigen Terminen in einer Praxis. Für leichtere Verläufe gibt es auch angeleitete Selbsthilfeprogramme. Bei schweren Verläufen oder wenn zusätzliche Erkrankungen wie eine Depression vorliegen, kann eine intensivere Behandlung in einer Tagesklinik oder Fachklinik sinnvoll sein. Welcher Weg passt, klärt sich gemeinsam mit den Fachleuten.
Wenn andere Belastungen dazukommen
Bei vielen Menschen mit einer Binge-Eating-Störung treten weitere seelische Belastungen auf, am häufigsten depressive Verstimmungen und Ängste. Das ist keine Seltenheit und kein Zeichen dafür, dass gleich alles zusammenbricht, sondern ein wichtiger Hinweis für die Behandlung. Denn wenn eine Depression im Hintergrund steht, muss sie mitbehandelt werden, sonst bleibt ein wichtiger Auslöser der Essanfälle bestehen.
Deshalb schaut eine gute Behandlung immer auf den ganzen Menschen und nicht nur auf das Essen. In der Psychotherapie wird geklärt, welche Belastungen zusammenwirken und in welcher Reihenfolge sie angegangen werden. Das entlastet, weil du dich nicht selbst sortieren musst. Es reicht, offen zu benennen, was dich bedrückt, und den Rest gemeinsam mit den Fachleuten zu ordnen.
Was eine Behandlung realistisch bringt
Das Ziel einer Behandlung ist zuerst, die Essanfälle seltener werden zu lassen und den Kontrollverlust zu verringern. Viele Betroffene erleben mit der Zeit, dass die Anfälle an Häufigkeit und Wucht verlieren und dass das Essen wieder einen ruhigeren Platz im Leben bekommt. Ein bestimmtes Gewicht ist dabei nicht der Maßstab. Es geht darum, dass du dich freier fühlst und das Essen nicht mehr über deinen Tag bestimmt.
Auch hier gilt: Der Weg verläuft nicht schnurgerade. Es wird bessere und schwierigere Phasen geben, und ein einzelner Essanfall macht keinen Fortschritt zunichte. Für die Zeit bis zu einem Therapieplatz gibt es zudem angeleitete Selbsthilfeprogramme, die den Einstieg erleichtern. Wer lernt, sich selbst mit weniger Härte zu begegnen, hat einen wichtigen Teil der Genesung schon begonnen, denn genau diese mildere Haltung sich selbst gegenüber nimmt dem Kreislauf einen Teil seiner Kraft.
So gehst du die ersten Schritte
- Erlaube dir den Gedanken, dass die Essanfälle ein Hilferuf deiner Seele sind und kein persönliches Versagen.
- Ruf das Beratungstelefon Essstörungen der BZgA unter 0221 892031 an, kostenlos und anonym.
- Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt über die Essanfälle und über deine Gesundheit insgesamt.
- Such nach einem Platz für eine Psychotherapie mit Erfahrung in der Behandlung von Essstörungen.
- Sei geduldig mit dir und feiere kleine Schritte, statt nur auf das Gewicht zu schauen.
Wenn dich die Essanfälle in eine tiefe Krise stürzen oder du Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen, hol dir sofort Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 für dich da. Bei akuter körperlicher Notlage wählst du die 112. Kostenlose Beratung zur Binge-Eating-Störung bekommst du beim Beratungstelefon Essstörungen der BZgA unter 0221 892031.
Häufige Fragen
Wann sind Essanfälle eine Binge-Eating-Störung?
Von einer Binge-Eating-Störung spricht man, wenn die Essanfälle regelmäßig auftreten, mit einem echten Kontrollverlust einhergehen und großes Leiden verursachen. Gelegentlich zu viel zu essen ist noch keine Erkrankung. Entscheidend sind die Häufigkeit, das Gefühl, nicht aufhören zu können, und der Frust danach. Wenn du dieses Muster bei dir bemerkst, sprich mit einer Beratungsstelle.
Was ist der Unterschied zwischen Binge-Eating-Störung und Bulimie?
Bei beiden Erkrankungen kommt es zu Essanfällen mit Kontrollverlust. Der Unterschied liegt danach: Bei der Bulimie folgen regelmäßig Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, Fasten oder übermäßiger Sport, bei der Binge-Eating-Störung nicht. Deshalb geht die Binge-Eating-Störung häufiger mit einer Gewichtszunahme einher. Beide sind ernste, behandelbare Erkrankungen.
Hilft eine Diät bei einer Binge-Eating-Störung?
Nein, eine reine Diät ist bei einer Binge-Eating-Störung meist nicht der richtige Weg und kann die Essanfälle sogar verstärken, weil der Verzicht neuen Druck aufbaut. Im Mittelpunkt steht zuerst, die Essanfälle und die Gefühle dahinter zu verstehen und ein regelmäßiges Essverhalten aufzubauen. Ein bestehendes Übergewicht wird, wenn nötig, in einem zweiten Schritt behandelt.
Betrifft die Binge-Eating-Störung auch Männer?
Ja, die Binge-Eating-Störung betrifft Frauen und Männer fast gleichermaßen und ist damit die Essstörung mit dem ausgeglichensten Verhältnis der Geschlechter. Auch Menschen jeden Alters können erkranken. Männer suchen sich oft später Hilfe, weil Essstörungen bei ihnen seltener vermutet werden. Beratung und Behandlung stehen allen offen.
Ist die Binge-Eating-Störung heilbar?
Ja, die Binge-Eating-Störung ist gut behandelbar, und viele Betroffene lernen, die Essanfälle in den Griff zu bekommen. Der wichtigste Weg ist die Psychotherapie. Sie braucht Zeit und Geduld, und Rückschritte gehören oft dazu, aber der Kreislauf lässt sich durchbrechen. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Aussichten.
Quellen
- IQWiG, Gesundheitsinformation.de, Binge-Eating-Störung gesundheitsinformation.de
- MSD Manual, Binge-Eating-Störung msdmanuals.com
- BZgA, Informationen zu Essstörungen bzga-essstoerungen.de
Verwandte Ratgeber aus Essstörungen
Weitere Artikel zum selben Themenbereich, die dir hier weiterhelfen können.
- Adipositas: Hilfe und Behandlung
- Angehörige bei einer Essstörung
- Bulimie erkennen und behandeln
- Emotionales Essen verstehen
- Essstörungen bei Jugendlichen
- Essstörungen bei Männern
- Essstörungen und Ernährung: erkennen, verstehen, Hilfe finden
- Gesund essen mit wenig Geld
- Klinikaufenthalt bei einer Essstörung
- Körperbild und Selbstwert
- Magersucht erkennen und behandeln
- Orthorexie und zwanghaft gesundes Essen
- Rückfall bei einer Essstörung vermeiden
- Therapie bei Essstörungen finden
- Verdacht auf Essstörung: erste Schritte