Essstörungen bei Jugendlichen
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Essstörungen beginnen besonders häufig in der Pubertät, weil Körper, Gefühle und der Wunsch nach Zugehörigkeit in dieser Zeit stark in Bewegung sind.
- Die drei häufigsten Formen sind Binge-Eating-Störung, Bulimie und Magersucht. In Deutschland kommt die Binge-Eating-Störung am häufigsten vor, die Magersucht am seltensten.
- Warnzeichen sind ein verändertes Essverhalten, Rückzug, starke Beschäftigung mit Figur und Gewicht sowie Stimmungsschwankungen, die über Wochen anhalten.
- Je früher eine Essstörung erkannt und behandelt wird, desto besser stehen die Chancen auf vollständige Genesung.
- Ansprechen ohne Vorwürfe, Geduld und professionelle Hilfe sind die wichtigsten Bausteine. Druck und Kontrolle verschlimmern die Lage meist.
- Erste Beratung bekommst du kostenlos und anonym beim BZgA-Beratungstelefon unter 0221 892031.
Warum Essstörungen oft in der Jugend beginnen
Essstörungen entstehen besonders häufig zwischen dem zwölften und dem zwanzigsten Lebensjahr, weil in dieser Zeit vieles gleichzeitig passiert. Der Körper verändert sich, das Selbstbild ist noch nicht gefestigt, und die Meinung anderer wiegt schwer. Essen und Gewicht werden für manche jungen Menschen zu einem Bereich, über den sie Kontrolle erleben, wenn sich sonst alles unsicher anfühlt. Das macht die Pubertät nicht zur Ursache, aber zu einer besonders verletzlichen Phase.
Eine Essstörung ist keine Marotte und kein Zeichen von mangelnder Willensstärke. Sie ist eine ernsthafte, aber behandelbare seelische Erkrankung. Viele Betroffene schämen sich und verstecken ihr Verhalten lange. Gerade deshalb ist es so wichtig, hinzusehen und früh zu handeln. Mit Unterstützung und passender Behandlung findet ein großer Teil der jungen Menschen zurück zu einem gesunden Verhältnis zum Essen und zu sich selbst.
Die häufigsten Essstörungen bei Jugendlichen
Essstörungen zeigen sich nicht immer gleich. Sie unterscheiden sich in ihrem Verhalten und sind von außen unterschiedlich gut zu erkennen. Untergewicht ist nur bei einem Teil der Betroffenen sichtbar, viele Erkrankte haben ein unauffälliges Gewicht.
| Form | Was sie kennzeichnet |
|---|---|
| Magersucht (Anorexie) | Stark eingeschränktes Essen, große Angst vor Gewichtszunahme und ein verzerrtes Bild vom eigenen Körper. Oft, aber nicht immer, mit deutlichem Untergewicht. |
| Bulimie | Wiederkehrende Essanfälle, die durch Erbrechen, Hungern oder übermäßigen Sport ausgeglichen werden. Das Gewicht bleibt häufig im normalen Bereich. |
| Binge-Eating-Störung | Wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust, aber ohne ausgleichende Maßnahmen. Häufig verbunden mit Scham und seelischer Belastung. |
Die Übergänge sind fließend, und eine Form kann in eine andere übergehen. Deshalb hilft es wenig, ein Verhalten in eine Schublade zu stecken. Wichtiger ist die Frage, ob das Essen einem jungen Menschen zunehmend Angst, Scham oder Leid bereitet.
Am häufigsten sind Mädchen und junge Frauen betroffen, doch das täuscht. Auch Jungen und junge Männer erkranken, und ihre Essstörung bleibt oft länger unentdeckt, weil kaum jemand bei ihnen danach sucht. Genauso wenig lässt sich eine Essstörung am Aussehen ablesen. Ein Mensch mit normalem Gewicht kann schwer erkrankt sein, während ein sichtbar dünner Mensch nicht zwangsläufig eine Essstörung hat. Verlasse dich deshalb nie allein auf die Waage oder den ersten Eindruck, sondern nimm die Gefühle und das Verhalten ernst.
Woran du eine Essstörung bei einem jungen Menschen erkennst
Ein einzelnes Anzeichen bedeutet noch keine Essstörung. Aufmerksam werden solltest du, wenn mehrere Veränderungen zusammenkommen und über Wochen bestehen bleiben. Achte dabei sowohl auf das Verhalten rund ums Essen als auch auf die Stimmung und das Sozialleben.
- Das Essverhalten verändert sich auffällig: sehr kleine Portionen, Auslassen von Mahlzeiten, strenge Regeln oder heimliches Essen.
- Figur, Gewicht und Kalorien werden zum ständigen Thema, oft begleitet von häufigem Wiegen und kritischem Blick in den Spiegel.
- Nach dem Essen verschwindet die Person auffällig oft auf der Toilette.
- Es kommt zu übermäßigem Sport, auch bei Erschöpfung oder Krankheit.
- Die Person zieht sich von Freunden und Familie zurück und meidet gemeinsame Mahlzeiten.
- Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Traurigkeit oder Leistungsdruck nehmen zu.
- Es zeigen sich körperliche Zeichen wie ständiges Frieren, Schwindel, Haarausfall oder das Ausbleiben der Regelblutung.
Für Eltern ist es besonders schwer, eine normale Entwicklungsphase von echten Warnsignalen zu unterscheiden. Im Zweifel gilt: Lieber einmal zu früh nachfragen und Rat holen als abwarten. Vertraue deinem Bauchgefühl, wenn du merkst, dass etwas nicht stimmt.
Was eine Essstörung antreibt
Eine Essstörung hat nie nur einen Grund. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von seelischen, familiären, gesellschaftlichen und biologischen Faktoren. Häufig geht es im Kern gar nicht ums Essen, sondern um schwierige Gefühle, für die noch kein anderer Umgang gefunden wurde. Das Essen wird zum Ventil oder zum einzigen Bereich, der sich noch kontrollieren lässt.
Eine große Rolle spielen ein niedriges Selbstwertgefühl, Perfektionismus und der Wunsch, den Erwartungen anderer zu genügen. Dazu kommen Leistungsdruck in Schule und Ausbildung sowie das ständige Vergleichen mit bearbeiteten Bildern in sozialen Medien. Auch belastende Erlebnisse, Konflikte oder eine familiäre Vorbelastung können das Risiko erhöhen. Im Leistungssport, wo das Gewicht eine Rolle spielt, treten Essstörungen ebenfalls häufiger auf. Weltweit haben Essstörungen bei jungen Menschen seit der Corona-Pandemie zugenommen.
Was du als Elternteil, Freundin oder Freund tun kannst
Wenn du dir Sorgen um einen jungen Menschen machst, kannst du viel bewirken. Nicht, indem du das Essverhalten kontrollierst, sondern indem du da bist, zuhörst und den Weg zu professioneller Hilfe mitgehst. Die folgenden Schritte haben sich bewährt.
- Informiere dich zuerst selbst über Essstörungen, damit du die Erkrankung besser verstehst und ruhiger reagieren kannst.
- Sprich deine Sorge offen an, in einem ruhigen Moment und ohne Vorwürfe. Beschreibe, was du beobachtet hast, statt Diagnosen zu stellen.
- Hör zu, ohne über einzelne Lebensmittel oder das Gewicht zu diskutieren. Signalisiere, dass du für die Person da bist, egal wie sie reagiert.
- Hol dir Rat bei einer Beratungsstelle. Das BZgA-Beratungstelefon unter 0221 892031 berät kostenlos und anonym, auch Angehörige.
- Geht gemeinsam zur Hausärztin oder zum Hausarzt. Diese Praxis kann den Gesundheitszustand einschätzen und an eine passende Behandlung weiterverweisen.
- Bleib geduldig. Genesung braucht Zeit, und Rückschläge gehören dazu. Deine verlässliche Unterstützung ist über Monate hinweg wichtig.
Falls die betroffene Person Hilfe zunächst ablehnt, ist das häufig und kein Grund aufzugeben. Bleib im Gespräch, wiederhole dein Angebot ohne Druck und hol dir selbst Unterstützung, damit du diese anstrengende Zeit besser durchstehst.
Wie eine Essstörung bei Jugendlichen behandelt wird
Die Behandlung einer Essstörung setzt fast immer auf mehreren Ebenen an, weil die Erkrankung Körper und Seele gleichzeitig betrifft. Im Mittelpunkt steht eine Psychotherapie, die den jungen Menschen dabei begleitet, schwierige Gefühle zu verstehen und einen neuen Umgang mit Essen, Körper und Selbstwert zu finden. Ergänzt wird sie meist durch eine ärztliche Begleitung, die den körperlichen Zustand im Blick behält, und durch eine Ernährungsberatung.
Bei Kindern und Jugendlichen wird die Familie in der Regel eng eingebunden. Eltern sind keine Zuschauer, sondern ein wichtiger Teil der Genesung, und viele Behandlungsansätze arbeiten bewusst mit ihnen zusammen. Wie intensiv die Behandlung ist, hängt vom Schweregrad ab. Viele Jugendliche werden ambulant behandelt und bleiben zu Hause. Ist die Erkrankung weiter fortgeschritten, kommen eine Tagesklinik oder ein stationärer Aufenthalt in einer spezialisierten Klinik infrage. Welcher Weg der richtige ist, entscheidet ihr gemeinsam mit den behandelnden Fachleuten. Wichtig ist, dass ihr nicht wartet, bis es gar nicht mehr geht: Frühe Hilfe macht die Behandlung leichter und erhöht die Chancen auf eine vollständige Genesung.
Essstörungen können lebensbedrohlich werden. Wenn ein junger Mensch stark abnimmt, kollabiert, über Selbstverletzung oder Suizid spricht oder in einer akuten Krise steckt, warte nicht, sondern hol sofort ärztliche Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 116 123. Für alle Fragen zu Essstörungen berät das BZgA-Beratungstelefon unter 0221 892031. In akuter Lebensgefahr wähle den Notruf 112.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter treten Essstörungen bei Jugendlichen auf?
Essstörungen bei Jugendlichen beginnen meist zwischen dem zwölften und dem zwanzigsten Lebensjahr, mit einem Schwerpunkt in der Pubertät. Sie können aber auch früher oder später auftreten. Entscheidend ist nicht das Alter, sondern das Verhalten und das Leiden dahinter.
Wie unterscheide ich eine Diät von einer Essstörung bei meinem Kind?
Eine Diät bleibt zeitlich begrenzt und beherrscht nicht das ganze Leben, während eine Essstörung das Denken und den Alltag zunehmend bestimmt. Warnzeichen sind wachsende Angst vor Gewichtszunahme, starker Rückzug, heimliches Essen und Stimmungsschwankungen, die über Wochen anhalten. Wenn Essen zum ständigen Konfliktthema wird, solltest du dir Rat holen.
Sind auch Jungen von Essstörungen betroffen?
Ja, auch Jungen und junge Männer entwickeln Essstörungen, sie werden aber seltener erkannt. Bei ihnen dreht sich das Verhalten oft stärker um Muskeln, Fitness und einen definierten Körper als um ein niedriges Gewicht. Deshalb bleiben Essstörungen bei Jungen häufig lange unentdeckt.
Wie spreche ich mein Kind auf eine mögliche Essstörung an?
Sprich dein Kind in einem ruhigen Moment und unter vier Augen an, ohne Vorwürfe und ohne über Gewicht oder einzelne Mahlzeiten zu streiten. Beschreibe konkret, was dir aufgefallen ist, und sag, dass du dir Sorgen machst und da bist. Erwarte nicht, dass sich beim ersten Gespräch alles klärt, sondern bleib geduldig im Kontakt.
Kann eine Essstörung bei Jugendlichen vollständig geheilt werden?
Ja, eine Essstörung bei Jugendlichen kann vollständig ausheilen, besonders wenn sie früh erkannt und behandelt wird. Viele junge Menschen entwickeln mit Therapie und familiärer Unterstützung wieder ein gesundes Verhältnis zum Essen. Der Weg dorthin verläuft selten geradlinig und braucht Zeit.
Wo bekommen Jugendliche und Eltern Hilfe bei Essstörungen?
Erste Hilfe bei Essstörungen bietet das BZgA-Beratungstelefon unter 0221 892031, kostenlos und anonym für Betroffene und Angehörige. Der Verein ANAD berät ebenfalls und vermittelt weiter. Die Hausarztpraxis sowie Beratungsstellen vor Ort sind gute erste Anlaufstellen für Diagnose und Behandlung.
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