Essstörungen bei Männern
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Auch Männer bekommen Essstörungen. Sie gelten fälschlich als reine Frauenkrankheit, was Betroffenen den Weg zur Hilfe erschwert.
- Bei Männern kommen wie bei Frauen am häufigsten die Binge-Eating-Störung, die Bulimie und die Magersucht vor.
- Die Muskelsucht ist die einzige Störung dieser Art, die bei Männern häufiger auftritt als bei Frauen.
- Essstörungen bei Männern werden oft übersehen, weil sich die Anzeichen unterscheiden und Scham die Betroffenen zum Schweigen bringt.
- Bei Männern dreht sich das Verhalten häufiger um Muskeln, Sport und einen definierten Körper als um ein niedriges Gewicht.
- Essstörungen sind bei Männern genauso behandelbar. Hilfe bekommst du beim BZgA-Beratungstelefon unter 0221 892031 und bei ANAD.
Bekommen auch Männer Essstörungen?
Ja, auch Jungen und Männer entwickeln Essstörungen, und das häufiger, als viele denken. Essstörungen gelten immer noch als typische Frauenkrankheit, doch das ist ein Irrtum mit Folgen. Nach einer großen deutschen Gesundheitsstudie sind etwa 1,5 Prozent der Frauen und 0,5 Prozent der Männer betroffen. Fachleute gehen aber davon aus, dass bei Männern eine hohe Dunkelziffer besteht, weil viele Fälle gar nicht erkannt werden.
Diese verbreitete Fehlannahme kostet Betroffene wertvolle Zeit. Männer schämen sich oft doppelt, einmal für die Erkrankung selbst und einmal dafür, an einer vermeintlichen Frauenkrankheit zu leiden. Genau dieses Schweigen macht Essstörungen bei Männern so gefährlich. Wichtig zu wissen ist deshalb: Eine Essstörung ist keine Frage des Geschlechts und kein Zeichen von Schwäche, sondern eine ernst zu nehmende, gut behandelbare Erkrankung.
Weil das Bild der Essstörung als Frauensache so tief sitzt, denken viele Männer bei ihren eigenen Symptomen gar nicht an eine Erkrankung. Auch das Umfeld und manchmal sogar Fachleute deuten die Anzeichen falsch. Dieser Ratgeber zeigt dir deshalb, welche Formen bei Männern vorkommen, warum sie so oft übersehen werden, woran du sie erkennst und wo Betroffene Hilfe finden.
Welche Essstörungen bei Männern vorkommen
Grundsätzlich können bei Männern alle Formen von Essstörungen auftreten. Die Verteilung ähnelt der bei Frauen, mit einer wichtigen Ausnahme.
| Form | Was sie kennzeichnet |
|---|---|
| Binge-Eating-Störung | Wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust, ohne ausgleichende Maßnahmen. Bei Männern die häufigste Form. |
| Bulimie | Essanfälle, die durch Erbrechen, Hungern oder Sport ausgeglichen werden. Das Gewicht bleibt oft unauffällig. |
| Magersucht | Stark eingeschränktes Essen und große Angst vor Gewichtszunahme, bei Männern seltener als die anderen Formen. |
| Muskelsucht | Das Streben nach immer mehr Muskeln bei verzerrter Selbstwahrnehmung. Die einzige Form, die bei Männern häufiger vorkommt. |
Bei einem Teil der Männer passt das Verhalten nicht genau in eine dieser Schubladen, weil die Diagnosesysteme die Besonderheiten bei Männern bisher kaum abbilden. Das ändert nichts daran, dass das Leiden real ist und Behandlung verdient.
Muskelsucht, die oft übersehene Störung bei Männern
Die Muskelsucht, auch Bigorexie oder Muskeldysmorphie genannt, ist eine Störung der Körperwahrnehmung. Betroffene empfinden sich als zu schmächtig und zu wenig muskulös, obwohl sie oft bereits überdurchschnittlich muskulös sind. Fachleute sprechen deshalb auch von einer umgekehrten Magersucht, weil der Blick in den Spiegel ähnlich verzerrt ist, nur in die andere Richtung.
Das Verhalten kreist um den Körper und dreht sich um Kontrolle. Typisch sind stundenlanges tägliches Training, sehr strenge Ernährungspläne und die ständige Sorge, nicht muskulös genug zu sein. Manche meiden Verabredungen, die nicht in ihren Trainings- und Essensplan passen, tragen weite oder mehrere Lagen Kleidung, um kräftiger zu wirken, und entwickeln durch einseitiges Essen Mangelerscheinungen. Besonders gefährlich wird es, wenn zu verbotenen, leistungssteigernden Substanzen gegriffen wird, die der Gesundheit ernsthaft schaden. Als Ursachen gelten unter anderem ein geringer Selbstwert, ausgeprägter Perfektionismus, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Züge einer Zwangsstörung.
Was Essstörungen bei Männern begünstigt
Wie bei Frauen entsteht eine Essstörung bei Männern nie aus einem einzigen Grund, sondern aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren. Seelische, gesellschaftliche und biologische Einflüsse greifen ineinander, und im Kern geht es oft gar nicht ums Essen, sondern um Selbstwert, Kontrolle und schwierige Gefühle.
Eine wachsende Rolle spielt der Druck durch Körperideale. In Werbung, Filmen und vor allem in sozialen Medien ist der durchtrainierte, definierte Männerkörper allgegenwärtig, und der ständige Vergleich damit nagt am Selbstwert. Dazu kommen ein Hang zum Perfektionismus, ein geringes Selbstwertgefühl und belastende Erfahrungen. Auch in bestimmten Sportarten, in denen Gewicht oder Körperform zählen, ist das Risiko erhöht. Wichtig ist zu verstehen, dass diese Faktoren niemanden zwingen zu erkranken. Sie erklären nur, warum manche Menschen verletzlicher sind, und nehmen der Erkrankung den Beigeschmack eines selbst verschuldeten Versagens.
Warum Essstörungen bei Männern seltener erkannt werden
Dass Essstörungen bei Männern häufig unentdeckt bleiben, hat mehrere Gründe, die zusammenwirken. Es liegt nicht daran, dass Männer weniger leiden, sondern daran, dass niemand richtig hinschaut.
Zum einen zeigen sich die Anzeichen oft anders. Gewicht und Body-Mass-Index sind bei Männern als Maßstab wenig verlässlich, weil Muskeln schwerer wiegen und ein trainierter Körper gesund aussieht. Zum anderen wirkt das Stigma. Weil Sport unhinterfragt als Zeichen von Gesundheit gilt, wird exzessives Training selten als Warnzeichen gelesen, sondern eher bewundert. Dazu kommt, dass die üblichen Fragebögen und Diagnosesysteme auf Frauen zugeschnitten sind. Männer erhalten deshalb oft die Einordnung einer atypischen oder einer nicht näher bezeichneten Essstörung, was ihre Not verschleiert. Und schließlich hält die Scham viele davon ab, sich überhaupt jemandem anzuvertrauen.
Woran du eine Essstörung bei einem Mann erkennst
Weil sich die Anzeichen unterscheiden, lohnt es sich, gezielt hinzusehen. Ein einzelnes Merkmal bedeutet noch nichts, doch wenn mehrere über Wochen zusammenkommen, solltest du aufmerksam werden.
- Das Training oder die Ernährung wird so streng und zwanghaft, dass alles andere zurücktritt.
- Es besteht eine starke, dauerhafte Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, oft mit dem Gefühl, zu schmächtig oder zu dick zu sein.
- Mahlzeiten, Kalorien oder Nährwerte werden ständig kontrolliert, oder es kommt zu heimlichen Essanfällen.
- Verabredungen und gemeinsames Essen werden gemieden, wenn sie nicht in den Plan passen.
- Es zeigen sich körperliche Zeichen wie Erschöpfung, Schwindel, Verletzungen durch Übertraining oder Mangelerscheinungen.
- Stimmung und Selbstwert hängen stark vom Aussehen, vom Gewicht oder vom Trainingserfolg ab.
Vertraue deinem Eindruck, wenn dir das Verhalten eines Mannes in deinem Umfeld Sorgen macht. Lieber einmal zu viel behutsam nachgefragt als eine ernste Erkrankung übersehen.
Wo Männer Hilfe bekommen
Der wichtigste Schritt ist, das Schweigen zu brechen. Essstörungen bei Männern werden genauso behandelt wie bei Frauen, und die Chancen auf Genesung sind gut. Diese Schritte helfen dir auf dem Weg.
- Sprich mit einem Menschen, dem du vertraust, oder wende dich anonym an eine Beratungsstelle. Das BZgA-Beratungstelefon unter 0221 892031 und ANAD beraten kostenlos.
- Geh zu deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt und schildere die Situation offen. Von dort bekommst du eine Einschätzung und eine Überweisung.
- Achte darauf, dass die Behandlung auf Essstörungen spezialisiert ist. Es gibt inzwischen auch Angebote, die sich gezielt an Männer richten.
- Lass eine Psychotherapie prüfen, die an Selbstwert, Perfektionismus und dem Umgang mit dem eigenen Körper ansetzt.
- Beziehe wenn möglich nahestehende Menschen ein, denn ihre Unterstützung trägt über die oft langen Genesungswege hinweg.
Sich Hilfe zu holen ist kein Widerspruch zu Stärke, sondern ein Ausdruck davon. Es braucht Mut, ein Problem anzuerkennen, über das kaum jemand spricht. Und je mehr Männer offen darüber reden, desto leichter wird es für die nächsten, die denselben Schritt vor sich haben.
Eine Essstörung kann auch bei Männern lebensbedrohlich werden. Wenn es dir körperlich sehr schlecht geht oder wenn du an Selbstverletzung oder Suizid denkst, hol dir bitte sofort Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 116 123. Für alle Fragen rund um Essstörungen berät das BZgA-Beratungstelefon unter 0221 892031. In akuter Lebensgefahr wähle den Notruf 112.
Häufige Fragen
Können Männer wirklich Essstörungen bekommen?
Ja, Männer können alle Formen von Essstörungen bekommen, auch wenn diese oft als Frauenkrankheit gelten. Am häufigsten treten bei Männern die Binge-Eating-Störung, die Bulimie und die Magersucht auf. Wegen einer hohen Dunkelziffer sind vermutlich deutlich mehr Männer betroffen, als die Statistik zeigt.
Was ist Muskelsucht oder Bigorexie?
Muskelsucht, auch Bigorexie oder Muskeldysmorphie genannt, ist eine Störung der Körperwahrnehmung, bei der sich Betroffene trotz muskulöser Statur als zu schmächtig empfinden. Sie trainieren exzessiv, halten strenge Ernährungspläne ein und leiden stark unter der Angst, nicht muskulös genug zu sein. Es ist die einzige Störung dieser Art, die bei Männern häufiger vorkommt als bei Frauen.
Warum werden Essstörungen bei Männern seltener erkannt?
Essstörungen bei Männern werden seltener erkannt, weil sich die Anzeichen unterscheiden und Gewicht und Body-Mass-Index bei Männern wenig verlässlich sind. Hinzu kommt, dass exzessiver Sport als gesund gilt und die Diagnosesysteme auf Frauen zugeschnitten sind. Auch Scham hält viele Männer davon ab, sich Hilfe zu suchen.
Woran erkenne ich eine Essstörung bei einem Mann?
Eine Essstörung bei einem Mann erkennst du weniger am Gewicht als am Verhalten. Warnzeichen sind zwanghaftes Training und strenge Ernährungspläne, starke Unzufriedenheit mit dem Körper, heimliche Essanfälle und der Rückzug aus dem Sozialleben. Werde aufmerksam, wenn mehrere dieser Anzeichen über Wochen bestehen bleiben.
Werden Essstörungen bei Männern anders behandelt?
Essstörungen werden bei Männern grundsätzlich genauso behandelt wie bei Frauen, meist mit Psychotherapie, ärztlicher Begleitung und Ernährungsberatung. Inzwischen gibt es auch Angebote, die sich gezielt an Männer richten und ihre besondere Situation berücksichtigen. Die Chancen auf Genesung sind gut, besonders bei früher Hilfe.
Wo finden Männer mit einer Essstörung Hilfe?
Männer mit einer Essstörung finden kostenlose und anonyme Beratung beim BZgA-Beratungstelefon unter 0221 892031 und beim Verein ANAD. Die Hausarztpraxis ist eine gute erste Anlaufstelle für Diagnose und Überweisung. Es gibt zudem spezielle Informations- und Beratungsangebote, die sich ausdrücklich an Jungen und Männer wenden.
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