Narzissmus am Arbeitsplatz und im Job
Geprüft von der Redaktion · 25. Juni 2026

Das Wichtigste in Kürze
- Narzisstisches Verhalten kommt in Führungspositionen laut mehreren Studien häufiger vor als in der Gesamtbevölkerung.
- Ein narzisstischer Chef verlangt bedingungslose Loyalität und bestraft abweichende Meinungen, ein narzisstischer Kollege konkurriert eher verdeckt um Anerkennung.
- Narzisstisches Mobbing nutzt gezielt Gerüchte, Ausgrenzung, die Aneignung fremder Erfolge, Sabotage und Schuldumkehr.
- Betroffene entwickeln bei anhaltendem Mobbing häufig Angststörungen, Schlafprobleme oder ein Burnout.
- Professionelle Distanz, lückenlose Dokumentation und Verbündete im Team gehören zu den wirksamsten Schutzmaßnahmen.
Narzisstisches Verhalten prägt viele Führungsetagen
Narzisstisches Verhalten am Arbeitsplatz bezeichnet ein Muster aus Selbstüberhöhung, mangelnder Empathie und einem starken Bedürfnis nach Bewunderung, das sich in Führungspositionen überdurchschnittlich häufig zeigt. Rhetorische Überzeugungskraft, Risikobereitschaft und schnelle Entschlossenheit lassen solche Persönlichkeiten oft rascher aufsteigen, obwohl dieselben Eigenschaften im Alltag hohe Kosten für das Team verursachen.
Wie viele Führungskräfte tatsächlich die klinischen Kriterien einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erfüllen, einer psychiatrischen Diagnose mit unter anderem Größenfantasien und mangelndem Mitgefühl, lässt sich seriös nicht beziffern. Verlässlich ist dagegen die Beobachtung, dass ausgeprägte narzisstische Züge auch ohne offizielle Diagnose eine toxische Wirkung auf Teams entfalten.
Diese Wirkung trifft selten nur eine einzelne Person. Ein narzisstisches Muster in einer Führungsposition prägt mit der Zeit die ganze Abteilung: Manche Mitarbeitende passen sich an und übernehmen selbst schärfere Umgangsformen, andere ziehen sich zurück oder verlassen das Unternehmen, sobald sich eine bessere Gelegenheit bietet. Übrig bleibt häufig ein Team, das vor allem aus Personen besteht, die das Verhalten hinnehmen oder es nicht mehr wahrnehmen.
Typisches Verhalten eines narzisstischen Chefs
Ein narzisstischer Chef verlangt von seinem Team bedingungslose Zustimmung und wertet abweichende Vorschläge häufig als persönlichen Angriff auf die eigene Autorität. Lob verteilt er selektiv, um Konkurrenz im Team zu erzeugen, während Kritik an der eigenen Person mit Wut, demonstrativem Ignorieren oder offener Herabsetzung beantwortet wird.
- Er beansprucht die Ideen und Erfolge des Teams als eigene Leistung gegenüber der nächsthöheren Ebene.
- Er baut gezielt Günstlinge und Sündenböcke auf, um das Team gegeneinander auszuspielen.
- Er reagiert auf berechtigte Kritik mit Gegenangriffen statt mit Sachargumenten.
- Er ändert Zusagen und Vorgaben nachträglich und stellt sie so dar, als hätte er sie nie gegeben.
- Er tritt vor Vorgesetzten oder Kunden charmant und kompetent auf, ganz anders als im Team-Alltag.
Dieses doppelte Gesicht macht es Betroffenen schwer, gehört zu werden. Nach außen gilt der Chef häufig als erfolgreich und beliebt, während im Team längst bekannt ist, wie stark der Ton im Alltag von seiner Stimmung abhängt.
Kritikgespräche verlaufen bei einem narzisstischen Chef häufig nach einem festen Muster: Erst wird die Leistung pauschal abgewertet, dann folgt ein Vergleich mit einer anderen Person aus dem Team, und am Ende steht die unausgesprochene Erwartung, dass sich die kritisierte Person für die eigene Unzulänglichkeit entschuldigt. Ein sachliches Gespräch über konkrete Fehler und mögliche Lösungen findet dabei selten statt.
Typisches Verhalten eines narzisstischen Kollegen
Ein narzisstischer Kollege konkurriert offen oder verdeckt um Anerkennung, selbst wenn eigentlich Zusammenarbeit gefragt wäre. Er stellt gemeinsame Arbeit gern als eigene Leistung dar, hält wichtige Informationen zurück, um sich einen Vorteil zu verschaffen, und reagiert auf den Erfolg anderer mit Abwertung statt mit Anerkennung.
- Er stellt sich in Meetings demonstrativ in den Vordergrund, auch bei Themen, an denen andere gearbeitet haben.
- Er verbreitet gezielt Informationen, die Kolleginnen und Kollegen bei Vorgesetzten schlecht aussehen lassen.
- Er bietet Hilfe an, um sich später als unverzichtbar darzustellen, zieht sich bei tatsächlichem Bedarf aber zurück.
- Er reagiert auf Lob für andere mit Sticheleien oder relativierenden Kommentaren.
- Er sucht gezielt Nähe zu Vorgesetzten, um Informationen und Einfluss zu sammeln.
Anders als ein narzisstischer Chef hat ein narzisstischer Kollege keine formale Macht. Er ersetzt sie durch Informationsvorsprung, Allianzen mit Vorgesetzten und ein Bild von sich selbst, das er in jedem Gespräch aktiv pflegt.
Besonders in Teams mit unklaren Zuständigkeiten fällt ein narzisstischer Kollege lange nicht auf, weil sich sein Verhalten hinter angeblicher Hilfsbereitschaft oder Engagement verbirgt. Erst im Rückblick erkennen viele Betroffene, wie gezielt Informationen zurückgehalten oder Aufgaben so verteilt wurden, dass die eigene Leistung schlechter aussah, als sie tatsächlich war.
5 Taktiken narzisstischen Mobbings
Narzisstisches Mobbing am Arbeitsplatz läuft selten über offene Konfrontation, sondern über eine Kombination aus Gerüchten, Ausgrenzung, der Aneignung fremder Erfolge, gezielter Sabotage und Schuldumkehr. Jede einzelne Handlung wirkt für sich harmlos, die Wiederholung über Wochen und Monate erzeugt jedoch einen erheblichen psychischen Druck.
| Taktik | Wie sie sich zeigt | Wirkung auf die betroffene Person |
|---|---|---|
| Gerüchte | Halbwahre oder erfundene Aussagen über Leistung oder Verhalten kursieren hinter dem Rücken | Verlust von Vertrauen und Ansehen im Team |
| Ausgrenzung | Einladungen, Informationen oder Absprachen laufen bewusst an der Person vorbei | Isolation und das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören |
| Erfolge vereinnahmen | Ideen oder Arbeitsergebnisse werden gegenüber Vorgesetzten als eigene Leistung dargestellt | Sichtbare Leistung sinkt, obwohl die tatsächliche Arbeit gleich bleibt |
| Sabotage | Wichtige Informationen, Fristen oder Zuarbeiten werden absichtlich zurückgehalten oder verzögert | Fehler und Verzögerungen, die der betroffenen Person angelastet werden |
| Schuldumkehr | Kritik am eigenen Verhalten wird als überempfindliche Reaktion der betroffenen Person umgedeutet | Selbstzweifel und Unsicherheit, ob die eigene Wahrnehmung noch stimmt |
Schuldumkehr gilt unter Beratungsstellen als eine der wirksamsten Taktiken, weil sie Betroffene dazu bringt, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, statt das Verhalten der Gegenseite infrage zu stellen.
Die Definition von Mobbing nach Heinz Leymann
Mobbing ist nach der international anerkannten Definition des Arbeitspsychologen Heinz Leymann eine Situation, in der eine Person über mindestens sechs Monate hinweg wöchentlich mindestens einer von 45 genau beschriebenen feindseligen Handlungen ausgesetzt ist. Diese Handlungen reichen von Angriffen auf die Kommunikation über Ausgrenzung bis zu Angriffen auf die Gesundheit.
Nach einer bundesweiten Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind in Deutschland täglich rund 1,5 Millionen Beschäftigte von Mobbing betroffen. Narzisstisches Verhalten von Vorgesetzten oder Kolleginnen und Kollegen erfüllt die Leymann-Kriterien besonders häufig, weil es selten einmalig bleibt, sondern über Monate demselben Muster folgt.
Diese Abgrenzung ist wichtig, weil nicht jeder Konflikt am Arbeitsplatz Mobbing ist. Ein einzelner scharfer Kommentar, eine unfaire Entscheidung oder ein schlechter Tag einer Führungskraft erfüllen die Kriterien nicht. Erst wenn dieselbe Person über Wochen wiederholt gezielt herabgesetzt, ausgegrenzt oder in ihrer Arbeit behindert wird, handelt es sich im Sinne der Definition um Mobbing.
Gesundheitliche und berufliche Folgen für Betroffene
Anhaltendes narzisstisches Mobbing wirkt sich messbar auf die Gesundheit aus. Eine Auswertung von Studien mit insgesamt mehr als 115.000 Teilnehmenden fand bei Mobbingbetroffenen deutlich häufiger Depressionen, Angststörungen und andere psychische Beschwerden als bei Personen ohne diese Erfahrung.
Zu den körperlichen Beschwerden zählen Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Probleme, zu den beruflichen Folgen sinkende Leistungsfähigkeit, häufigere Krankschreibungen und in vielen Fällen ein Burnout, ein Zustand völliger emotionaler und körperlicher Erschöpfung durch anhaltende Überlastung. Manche Betroffene übernehmen zudem die Schuldzuweisungen aus der Schuldumkehr und suchen den Fehler zuerst bei sich selbst.
Auch nach einem Jobwechsel wirkt die Belastung oft nach. Wer über Monate erlebt hat, dass Leistung nichts an der Behandlung durch Vorgesetzte oder Kolleginnen und Kollegen ändert, trägt dieses Misstrauen häufig in die nächste Stelle mit und braucht Zeit, um wieder Vertrauen in ein gesundes Arbeitsumfeld aufzubauen.
Warum narzisstisches Verhalten am Arbeitsplatz oft unentdeckt bleibt
Narzisstisches Verhalten bleibt am Arbeitsplatz oft deshalb unentdeckt, weil Unternehmen kurzfristige Ergebnisse und selbstbewusstes Auftreten häufig mit Führungskompetenz verwechseln. Wer schnell entscheidet, überzeugend spricht und Erfolge sichtbar präsentiert, wird befördert, bevor der Umgang mit dem eigenen Team überhaupt zum Thema wird.
Kolleginnen und Kollegen, die das Verhalten ansprechen, riskieren zudem den Vorwurf, überempfindlich oder nicht teamfähig zu sein, gerade weil die betroffene Führungskraft nach außen kompetent wirkt. Diese Schieflage erklärt, warum sich toxisches Verhalten in manchen Unternehmen über Jahre hält, ohne dass Personalabteilungen eingreifen.
Verstärkt wird dieser Effekt durch den sogenannten Halo-Effekt, die Tendenz, einer Person aufgrund eines positiven Merkmals wie Erfolg oder Selbstsicherheit pauschal auch andere gute Eigenschaften zuzuschreiben. Solange die Zahlen stimmen, hinterfragen Unternehmen den Führungsstil oft erst, wenn mehrere Kündigungen im selben Team auffallen.
Betriebsräte und Personalabteilungen bekommen ein narzisstisches Muster deshalb oft erst über Umwege zu Gesicht: über eine ungewöhnlich hohe Fluktuation in einer einzelnen Abteilung, über mehrere unabhängige Beschwerden innerhalb kurzer Zeit oder über einen auffälligen Anstieg von Krankschreibungen. Einzelne Beschwerden lassen sich leicht als persönliche Befindlichkeit abtun, ein wiederkehrendes Muster über mehrere Personen hinweg deutlich schwerer.
Nicht jede fordernde Führungskraft und nicht jeder unangenehme Kollege erfüllt die Kriterien narzisstischen Verhaltens. Entscheidend ist ein wiederkehrendes Muster über Wochen und Monate, keine einzelne unfreundliche Situation. Eine Diagnose lässt sich ohnehin nur durch eine Fachperson stellen, nicht durch Kolleginnen und Kollegen.
So schützt du dich
- Halte Gespräche und Zusagen ab sofort schriftlich fest, etwa per E-Mail-Zusammenfassung nach jedem wichtigen Termin.
- Dokumentiere jeden Vorfall mit Datum, Uhrzeit, Beteiligten und wörtlichen Aussagen, sobald er auffällt, statt erst im Nachhinein.
- Halte gegenüber der Person, die dich mobbt, bewusst professionelle Distanz und reduziere private Gesprächsinhalte auf ein Minimum.
- Suche dir Verbündete im Team, die dieselben Muster beobachtet haben und im Zweifel als Zeugen bestätigen können.
- Wende dich an den Betriebsrat, die Personalabteilung oder eine externe Mobbingberatung, sobald die Dokumentation belastbar ist.
- Ziehe einen internen Wechsel oder eine Kündigung in Betracht, wenn sich die Situation trotz dieser Schritte über mehrere Monate nicht bessert.
- Hol dir therapeutische oder ärztliche Unterstützung, wenn Schlaf, Konzentration oder Stimmung spürbar leiden.
Bei Bezug zu akuter Not: TelefonSeelsorge rund um die Uhr, kostenlos, anonym unter 116 123, im Notfall 112.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich den Unterschied zwischen einem strengen Chef und einem narzisstischen Chef?
Ein strenger Chef stellt hohe, aber nachvollziehbare Anforderungen und bleibt auch bei Kritik ansprechbar. Ein narzisstischer Chef verlangt dagegen bedingungslose Zustimmung, wertet jede Kritik als persönlichen Angriff und setzt Lob gezielt ein, um Konkurrenz im Team zu erzeugen.
Wie erkenne ich, dass ein Kollege systematisch gegen mich intrigiert?
Ein Kollege intrigiert systematisch, wenn dieselben Muster wiederholt auftreten: Informationen erreichen dich später als andere, Erfolge werden vor Vorgesetzten als seine eigenen dargestellt, und Gerüchte über dich tauchen auf, die sich auf niemand Konkretes zurückführen lassen.
Muss ich Mobbing durch den Chef dulden, wenn er die Firma leitet?
Nein, auch Inhaberinnen und Inhaber einer Firma unterliegen der Fürsorgepflicht gegenüber Beschäftigten, und anhaltendes Mobbing kann arbeitsrechtlich relevant werden. Betroffene können sich unabhängig von der Position des Chefs an externe Beratungsstellen oder eine Anwältin oder einen Anwalt für Arbeitsrecht wenden.
Wie dokumentiere ich Mobbing am Arbeitsplatz rechtssicher?
Eine belastbare Dokumentation von Mobbing enthält zu jedem Vorfall das Datum, die Uhrzeit, den Ort, die beteiligten Personen und eine möglichst wörtliche Wiedergabe dessen, was gesagt oder getan wurde. E-Mails, Chatverläufe und Zeuginnen oder Zeugen stützen die Aufzeichnung zusätzlich.
Wann sollte ich nach anhaltendem Mobbing über eine Kündigung nachdenken?
Über eine Kündigung solltest du nachdenken, wenn interne Schritte wie Gespräche mit dem Betriebsrat oder der Personalabteilung über mehrere Monate keine Besserung bringen und die Gesundheit spürbar leidet. Die eigene Gesundheit wiegt in dieser Abwägung schwerer als die Sorge um einen lückenlosen Lebenslauf.
Kann ich rechtlich gegen einen narzisstischen Chef vorgehen?
Rechtlich vorgehen lässt sich gegen konkretes mobbendes Verhalten, nicht gegen eine vermutete Persönlichkeitsstörung als solche. Dokumentierte Fälle von Beleidigung, Diskriminierung oder systematischer Benachteiligung lassen sich über den Betriebsrat, eine Beschwerde nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz oder eine Klage vor dem Arbeitsgericht verfolgen.
Quellen
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Mobbing-Report baua.de
- Haufe: Mobbing, Mobbinghandlungen haufe.de
- Spektrum der Wissenschaft: Mobbing verursacht Depressionen und Angststörungen spektrum.de
- MSD Manual: Narzisstische Persönlichkeitsstörung msdmanuals.com
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